Interview mit Ladan Hussein (Cold Specks)

„Ich habe den Cut vollzogen“

Ladan Hussein / Cold Specks (Norman Wong)

Ladan Hussein / Cold Specks (Norman Wong)

amusio: „Geht die Enthemmung deiner gesanglichen Fertigkeiten mit der Befreiung der inhaltlichen Komponenten einher?“

Ladan Hussein: „Ich denke schon. Ich habe viel mit meiner Stimme experimentiert, sie und mich herausgefordert. Habe Grenzen überschritten. Im Zuge dessen erhielten auch meine Inhalte eine neue Qualität des Ausdrucks. Persönlicher. Verbindlicher. Brutal ehrlich. Heute singe ich über meine Identität, meine Familie, meine Wurzeln. Was ich zuvor vermieden habe. Ich traute mich einfach nicht. Der sich festigende Glaube an meine stimmlichen Möglichkeiten hat mich dazu ermutigt, den Facetten meiner Persönlichkeit einen authentischen Ausdruck zu verleihen. Zuvor habe ich mich in dieser Hinsicht überhaupt nicht sicher gefühlt.“

amusio: „Gelingt es dir, in der Auseinandersetzung mit deinen persönlichen Ambiguitäten letztlich auch einen inneren Frieden zu etablieren?“

Ladan Hussein: „Als schwarze Muslima empfand ich mich in einem permanenten Kampf um Selbsterhalt und Selbstwertgefühl. Ich bin lange Zeit davon ausgegangen, dass zwischen der Sängerin Al Spx und der Frau Ladan Hussein unüberwindliche Gegensätze bestünden. Also habe ich meine wahre Identität nicht preisgegeben, oder vielmehr: Sie nach Möglichkeit erst gar nicht thematisiert. Ich hatte einfach Angst, vorverurteilt oder nicht akzeptiert zu werden. Jetzt bin ich soweit, mich offen zu dem zu bekennen, was mich ausmacht. Das fühlt sich gut und richtig an.“

amusio: „Deine Offenheit geht mit dem Bekenntnis zu und der Auseinandersetzung mit deinen somalischen Wurzeln einher…“

Ladan Hussein: „Sie gehören zu mir, ich gehöre zu ihnen. Da gibt es kein Vertun. Leider wird Somalia heutzutage nur noch aus der Perspektive grauenvoller Narrative wahrgenommen. Ich möchte dem etwas entgegensetzen. Ich möchte zeigen, wie eine Somali aussieht, wie sie denkt und fühlt. Und inwiefern sich in ihr ein anderes, das wahre Somalia manifestiert. Als ein wunderbares Land mit reicher Kultur und dem längsten Küstenverlauf von ganz Afrika. Von einer Art Paradies auf Erden, das ursächlich vom Kolonialismus ins Chaos getrieben und nahezu zerstört wurde.“

amusio: „Handelt es sich also bei dem Fool’s Paradise auch um ein idealisiertes Bild von Somalia?“

Ladan Hussein: „Diese Lesart lasse ich gelten. Aber der Albumtitel geht auch auf meinen Rückzug in meine eigene Welt zurück, den ich während der Entstehung des Albums willentlich vollzogen habe. Ich koppelte mich von der alltäglichen Umgang ab, hörte auf meine innere Stimme. Nach außen hin begab ich mich in einen irrealen Zustand, der für mich jedoch absolut existent war. Die Erkenntnisse aus meiner inneren Welt konnte ich anschließend nach außen tragen und künstlerisch verwerten.“

amusio: „Die oft beschworene Kraft der Phantasie…“

Ladan Hussein: „Das will ich doch hoffen… (lacht)“

amusio: „Aber Somalia ist kein Schlaraffenland…“

Ladan Hussein: „Wie viele meiner Landsleute war auch ich nahezu vollkommen traumatisiert. Ich hatte keine Kraft, die Situation zu analysieren oder ihrer Entstehung auf den Grund zu gehen. Oder um zu erkennen, welchen Einfluss das Schicksal Somalias auf mich selbst hat. Dieses Trauma betrifft längst nicht nur nicht nur meine Generation, es wird vielmehr von Generation zu Generation vererbt. Das ist individuell kaum zu bewältigen. Aber dann hat mir die Musik geholfen. Indem ich mich mit der Somali-Musik, etwa mit der aus den siebziger Jahren, auseinandersetzte…“

amusio: „In die dein Vater involviert war…“

Ladan Hussein: Ja, mit der Band Iftin. Es existieren aus dieser Zeit nur noch wenige VHS-Tapes. Wir redeten viel über diese Jahre des kommunistischen Regimes. Ich spürte, wie sehr diese Musik und die Epoche, in der sie entstand, in der Zeit gefangen ist. Und dennoch empfinde ich sie als wunderschön.“

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