Interview mit Friedemann (COR)

„Ich vermisse die Eigeninitiative der Leute“

Friedemann (ruegencore.de/Scheinwelten Photography)

Friedemann (ruegencore.de/Scheinwelten Photography)

Mit ihrem zehnten Studioalbum Leitkultur (Rügencore/Cargo, ab 06. Oktober) appelliert die Rügener Metal/Punk-Formation COR noch entschiedener als zuvor an den Mut ihrer Hörer, aufzustehen, um etwas zu bewegen. Wie das Album zum Denken inspirieren und zum Handeln anstiften soll, erläutert Frontmann Friedemann: aus eigener Erfahrung, mit nachdrücklicher Dringlichkeit sowie anhand praktischer Beispiele.

amusio: „Hi Friedemann, du lebst mit Kind und Kegel auf Rügen. Diese Umstände könnten als ein Privileg erachtet werden, aus dem sich die Frage speist, warum du dich dennoch so vehement auf die Seite derjenigen schlägst, deren Lebensumstände kaum Annehmlichkeiten aufweisen…“

Friedemann: „Da muss ich weit ausholen. Ich stamme aus der DDR. Und ich habe als junger Mensch erlebt, wie es sich anfühlt, wenn von einem auf dem anderen Tag nichts mehr so ist, wie es war. Wenn selbst die Erwachsenen die Orientierung und somit auch den Halt verlieren. Nach der Wiedervereinigung sind viele meiner Freunde der Nazi-Szene beigetreten. Mich haben die Umstände – zum Glück – zum Punk geführt.“

amusio: „Im Sinne einer Jugendbewegung, der du bis heute treu geblieben bist?“

Friedemann: „Ich bin eine Weile durchs Leben gestolpert, habe dann Fuß gefasst. Aber wie die meisten Ostdeutschen habe ich erkennen müssen, dass das kapitalistische System kein warmes Zuhause bietet. Sondern mit zahllosen Ecken und Kanten aufwartet, vor denen man uns im Staatskundeunterricht immer gewarnt hatte. Aber schon zu Zeiten der DDR war ich aufgrund des kirchlichen Engagements meiner Eltern ein Außenseiter. Die somit verfasste Außenperspektive ließ mich im Folgenden immer wieder an dem verzweifeln, was ich sah: im persönlichen Umfeld, auf der großen politischen Ebene.“

Friedemann (ruegencore.de/Scheinwelten Photography)

Friedemann (ruegencore.de/Scheinwelten Photography)

amusio: „Verzweiflung war auch im Westen ein wichtiger Impulsgeber für die Bildung von jenen juvenilen Subkulturen, die sich bin heute erhalten haben…“

Friedemann: „Weil wir Randständige sensible, emphatische Menschen sind. Und weil unsere Aussagen einem Lebensgefühl entspringen, nicht aus den Fingern gesogen werden. Darum hat auch die Verzweiflung weiterhin Bestand. Verzweiflung über die Mitmenschen, die man nicht mehr versteht. Verzweiflung darüber, dass man die Mitmenschen nicht mehr erreicht.“

amusio: „Doch diese Verzweiflung darf nicht zur Katatonie führen…“

Friedemann: „Genau. Ich vermisse die Eigeninitiative der Leute. Ich liebe das Leben. Darum bin ich davon überzeugt, dass es an uns allen ist, mehr daraus zu machen. Konsum ist kein Ausdruck persönlicher Freiheit. Also versuche ich, mit gutem Beispiel voranzugehen. Nicht mehr alles einfach so hinzunehmen. Aufstehen. Agieren. Auch wenn es Ärger geben könnte, wenn man etwa so wie früher Kommunen gründet oder Häuser besetzt.“

amusio: „Oder wenn man, wie anlässlich des Gipfels der Gefühle zu Hamburg, Angst und Schrecken verbreitet?“

Friedemann: „Genau das eben nicht! Sondern aufstehen, um den wesentlich schwierigeren Weg zu gehen. Die Gesellschaft von innen heraus zu verändern. Sei es bei der freiwilligen Feuerwehr, sei es in Form von politischem Engagement. Es gilt, Veränderungen durch gute Taten zu schaffen und zu fördern.“

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