Mozarts "Zauberflöte" am Theater Erfurt

Die Aufklärung und ihre Antagonisten

Genau genommen wurde die Idee für Mozarts 1791 uraufgeführte “große Oper” nicht weit von Erfurt geboren, in dessen Region sie seit dem 30. September 2017, dem Premierentag, sozusagen wieder zurückgefunden hat: Die Grundlage bildet das französisch basierte, zwischen 1786 und 1789 entstandene Märchen Lulu oder Die Zauberflöte von Christoph Martin Wieland, der zum weiteren Kreis der Weimarer Klassik gezählt wird und ein Dezennium zuvor noch an der Universität Erfurt eine Professur innehatte.

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Papageno wird von den Hofdamen der Königin der Nacht gemaßregelt (Margrethe Fredheim, Stephanie Müther, Máté Sólyom-Nagy; Lutz Edelhoff, 21.9.2017, Theater Erfurt).

Papageno wird von den Hofdamen der Königin der Nacht gemaßregelt (Margrethe Fredheim, Stephanie Müther, Máté Sólyom-Nagy; Lutz Edelhoff, 21.9.2017, Theater Erfurt).

In die Konzeption der Wiener Oper spielte allerdings kurz vor Torschluss ein musikalisch in Szene gesetzter erfolgreicher Wurf von Joachim Perinet und Wenzel Müller hinein: die Zauberposse Kaspar der Fagottist oder Die Zauberzither, die Schikaneder und Mozart zu einer parodistischen Adaption veranlasste, in der die Vorzeichen umgekehrt gesetzt wurden: Die gute Fee wird nun nämlich zur Königin der Nacht, die Mächte der Finsternis repräsentiert, während Sarastros Reich des Bösen sich allmählich als wohlmeinende Läuterungsschule im Sinne der Aufklärung nach freimaurerischem Vorbild entpuppt.

Theater im Theater: Das imaginierte Publikum des Jahres 1791 vor der Bühne zu Beginn des 1. Akts (Lutz Edelhoff, 21.9.2017, Theater Erfurt)

Theater im Theater: Das imaginierte Publikum des Jahres 1791 vor der Bühne zu Beginn des 1. Akts. Rechts im Bild: Christina Rümann als Königin der Nacht (Lutz Edelhoff, 21.9.2017, Theater Erfurt)

Selbstredend für Mozarts Spätwerk ist die hohe Komplexität in der musikalischen Realisation: Bei der Ouvertüre handelt es sich ja um einen kontrapunktisch äußerst dicht gestrickten Satz. Ebenso mehr an die überwunden gedachte Barockzeit als an die Wiener Klassik erinnerte an diesem Samstagabend Joana Mallwitz’ elaborierte Interpretation der ernsten Arienpassagen. Sowohl der Prolog des Priesters vor den Toren zu Sarastros Tempel und Taminos Trauergesang angesichts von Paminas (vorläufigem) Verlust ließen an Rezitative und Arien aus Bachs Passionen und Lullys Musikdramen denken. Mit besonderer Einfühlung in ihre jeweilige Rolle überzeugten in diesen Partien Siyabulela Ntlale und Won Whi Choi. Mit makelloser Stimme brillierte Christina Rümann als Königin der Nacht, die sie auch bereits in Mainz, München, Aachen und Halle gesungen hat.

Wem das Licht der Aufklärung (heim)leuchtet: Papageno in Sarastros Tempelbezirk (links: Máté Sólyom-Nagy; Lutz Edelhoff, 21.9.2017, Theater Erfurt)

Wem das Licht der Aufklärung (heim)leuchtet: Papageno in Sarastros Tempelbezirk. Die subtil eingesetzte Lichtregie verantwortet Torsten Bante (links: Máté Sólyom-Nagy; Lutz Edelhoff, 21.9.2017, Theater Erfurt).

Zum Wesen des “Logenmeisters” Sarastro, der mit seinem ethisch moralisierenden Anspruch gewissermaßen die Speerspitze der Aufklärung repräsentiert, passt eine eher kühl gehaltene Darstellung, die von Bart Driessen entsprechend umgesetzt wurde. Seinem Zirkel ist es zu verdanken, dass die Macht der bösen Königin verpufft, indem ihre Tochter Pamina, gefangen in seinem Palast, in einer breit angelegten Inszenierung zur wahren Liebe zu Prinz Tamino befreit wird.

Tamino setzt zum Spiel der märchenhaften Zauberflöte an (Won Whi Choi; Lutz Edelhoff, 21.9.2017, Theater Erfurt).

Tamino setzt zum Spiel der märchenhaften Zauberflöte an (Won Whi Choi; Lutz Edelhoff, 21.9.2017, Theater Erfurt).

Kammersänger Máté Sólyom-Nagy spielte und sang Papagenos markanten Part mit hohem Einsatz, während manch andere Rollen im Regiekonzept von Sandra Leupold an diesem Abend offenbar nicht ganz zusammenfinden konnten. Der weit geöffnete Bühnenraum in den Szenen vor dem Palast war zwar sinnfällig, allerdings hätte in der Gestaltung des Hintergrunds und der Seiten auch das durch die Oper vorgesehene ägyptische Ambiente mehr herausgearbeitet werden können. Der bühnentechnische Aufwand erwies sich darum aber nicht als geringer, was vor allem die nach oben und unten bewegten Feuerpfade während der Läuterungsprozedur von Pamina und Tamino deutlich machten.

Symbolischer Gang durch das Feuer im Rahmen einer logenartigen Initiation (Lutz Edelhoff, 21.9.2017, Theater Erfurt)

Symbolischer Gang durch das Feuer im Rahmen einer logenartigen Initiation (Lutz Edelhoff, 21.9.2017, Theater Erfurt)

 

 

Das 18. Jahrhundert mit seiner Kontroverse von Aufklärung und Gegenaufklärung war allerdings in einer dem Rahmen nach modernen Inszenierung invers durchgehend gegenwärtig; sie wurde ebenso durch Jessica Rockstrohs Kostümierung von Sarastros Anhängerschaft und besonders der Vogelfiguren Papageno und Papagena visualisiert. Dem Philharmonischen Orchester Erfurt und dem Opernchor unter Joana Mallwitz gelang es freilich, die gesamte Breite der Kunstmusik des Säkulums, wie sie Die Zauberflöte letztlich vorführt, abzubilden.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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