Coals in Köln

Tamagotchi, in grobkörnigem Feinstaub

Coals in Köln (Bianca Heuckeroth)

Coals in Köln (Bianca Heuckeroth)

Kurz vor ihrem Gig, den sie – gemeinsam mit Tieftöner  Bo „Bobby“ Bobek – zu Köln in einem Laden bestreiten, in dem man als Teil des Publikums – um in die Waschräume zu gelangen – über (!) die Bühne hasten müsste, wiegeln Katarzyna Kowalczyk und Łukasz Rozmysłowski ab. „Auch wenn wir heute unseren Kalorienbedarf mit eigens erstandenen Erdnussflipps decken müssen und es hier zudem am an sich obligaten Venue-Equipment fehlt – wir ziehen es durch.“ Zum großen Glück sämtlicher (zahlreich) Anwesenden. Der kurzfristigen Absage knapp entgangen, dem post-industriellen Glück so nah. Das Debütalbum Tamagotchi am Start.

Mit 22 (Katarzyna) oder 23 (Łukasz) kann man sich heutzutage auch keine Träume mehr gönnen. „Darum missfällt uns inzwischen die Schiene, von der wir vereinnahmt wurden“, gibt der junge Herr im Hause zu Protokoll. „Wir sind in Polen über ein lokales Festival eines US-amerikanischen Senders erstmals in öffentliche Erscheinung getreten“, erinnert er sich. Anschließend ging es für das Duo Coals ziemlich direkt in isländische Gefilde. „Ja, da waren wir plötzlich und unverhofft en vogue. Haben dortige Festivals bespielt, während sich die Leute wunderten, warum sie uns nicht schon längst persönlich kennen“, skizziert Łukasz die Vereinnahmung dessen, was er „Island-Sound“ nennt. Er meint damit jenes vernebelt entrückt schwelgerisch Schwebende von Sigur Rós und Co. „Doch das sind wir nicht. Wir stammen aus Silesia. Und werden zukünftig Sorge tragen, diese Herkunft stärker und insofern auch eindeutiger auszuspielen.“

Die Region Silesia ist der Ruhrpott Polens; die Luft um Kattowitz sei auch heute noch so dermaßen verdreckt, dass man es kaum aushalten könne. Es sei denn, man stamme von dort. Und Auschwitz nebenan. „Zukünftig werden wir daran arbeiten, dem besonderen Charakter unserer Heimat auch qua Sound zu entsprechen. Mehr Dreck, mehr Distortion, mehr Verdichtung“, befindet Łukasz. Lyrics im lokalen Dialekt nicht ausgeschlossen.

Coals (Bianca Heuckeroth)

Coals (Bianca Heuckeroth)

„Wir werden häufig mit Bands aus den Achtzigern verglichen. Insbesondere mit denen, die damals – als wir noch im hohlen Baum saßen – dem Vernehmen nach das 4AD-Label geprägt haben. Das ist OK. Aber lieber wollen wir als Silesia AD in die Annalen eingehen“, sinniert Łukasz.

Über allem schwebt Nostalgie, auffällig auch aufgrund der Themen, die Coals auf ihrem Debüt-Longplayer in die Runde werfen. Der Albumtitel Tamagotchi ist Programm. „Vielleicht waren wir in Polen ein wenig spät dran, doch der ganze Kram aus den Neunzigern ist sozusagen ein Sinnbild unserer Kindheit. Der wir irgendwie nachhängen, aus der wir unsere Inspiration schöpfen“, so Katarzyna.

Kollege Łukasz präzisiert: „Es geht uns darum, das Gefühl von einst mit den technischen Möglichkeiten von heute zu hinterfragen. Und somit auch uns selbst. In Bezug auf Herkunft, Alter und Jugend.“ Er fährt fort. „Als wir mit Coals angefangen haben, sind wir von einer rasch vorübergehenden Liaison ausgegangen. Mehr als ein Jahr hätten wir uns anfangs nicht zugestanden. Doch nun touren wir durch Europa. Und glauben an den Sinn und Zweck unseres Tuns“, so Łukasz.

Und so verwandeln sie, allen Widrigkeiten zum Trotz, den Ort des Geschehens in ein schier somnambul anmutendes Wahrnehmungsangebot. Von all dem, was Spielzeug im Schatten darbender Montanindustrie zu induzieren hat.

Abgründig schön: die Stimme (Katarzyna), das an Narben zerrende Spiel mit Tronics und Akustikgitarre (Łukasz), die Erdung (Bobek am Bass). „Newcomer des Jahres“ wird gezischelt, während alles in jenem Sog zu zerfallen droht, den Coals soeben in die Bresche schleudern. Die Luft draußen riecht anschließend irgendwie anders. Und doch vertrauter als gedacht. 

facebook.com/CoalsMusic

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