Einsatz und Wirkung des Septnonakkords

Schwebende Spannung

Zweck des Dominantseptnonakkords “in Dur” mit großer Terz und kleiner Septime ist gemeinhin die stärkere Dominantwirkung vor der Auflösung in die Tonika. In der Mollvariante mit kleiner None entpuppt sie sich als ein besonderes, nicht erst um 1700 eingesetztes Mittel, um eine schwebende Spannung zwischen Dur und Moll zu erzeugen, vulgariter unter dem Namen “verminderter (Dominant-)Septakkord” geläufig.

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Septnonakkord mit hoch- bzw. tiefalterierter None (David Brandes, 1.9.2005, CC-Liz.)

Septnonakkord mit hoch- bzw. tiefalterierter None (David Brandes, 1.9.2005, CC-Liz.)

Ursprünglich wurde solchen Fünfklängen die Funktionalität eines vollgültigen Akkords abgesprochen, wegen ihres Doppelklangcharakters aus Subdominante und Dominante, der entsprechenden Mehrdeutigkeit mit fünf von sieben diatonischen Tönen halber und wegen ihrer mangelnden Umkehrbarkeit. Dennoch wurde seit der Barockzeit munter von solch indifferenten Klangmischungen Gebrauch gemacht.

Claude Debussys Komposition 'Wolken' im Rahmen der Nocturnes (1897-1899) spielt mit den Klangwirkungen "funktionslos" hintereinander gestellter Nonenakkorde (Nicholas A. Tonelli: Big Sky, 16.7.2011, Mifflin Township, Columbia County).

Claude Debussys Komposition ‘Nuages’ (“Wolken”) im Rahmen der Nocturnes (1897-1899) spielt mit den Klangwirkungen “funktionslos” hintereinander gestellter Nonenakkorde (Nicholas A. Tonelli: Big Sky, 16.7.2011, Mifflin Township, Columbia County).

Als prominentes Beispiel sei der schwerpunktmäßig gesetzte und beinahe exzessiv demonstrierte verminderte Dominantseptakkord cis-e-g-b in J.S. Bachs Toccata d-Moll (BWV 565)  angeführt. Auch hier stellt sich allerdings die Frage, ob nicht die melodieerzeugende Sequenzierung der kleinen Terzen als Idee im Vordergrund steht, denn, wie kürzlich der Kontrapunkt-Experte Johannes Menke an prägnanten Beispielen gezeigt hat, legitimiert die Führung der einzelnen Stimmen ja erst die Entstehung eines Akkords.

Klänge mit durchschlagender Farbwirkung: Septnonakkord-Parallelen in Debussys  'Nuages' (Anton Kreuzkamp, 12.11.2013, CC-Liz.)

Klänge mit durchschlagender Farbwirkung: Septnonakkord-Parallelen in Debussys
‘Nuages’ (Anton Kreuzkamp, 12.11.2013, CC-Liz.)

 

In der Romantik und hier vorwiegend in Lied- wie Instrumentalsätzen wird es üblich, Nonakkorde über dem Großen Dur-Septakkord zu konstruieren, worauf Reinhard Amon in seiner Gesamtdarstellung hinweist, ebenso wie auf die freie Nutzung in der impressionistischen Musik: Um die Farblichkeit von Klängen zu betonen, verwendeten Komponisten dieser Epoche gerne in der Intervallabfolge “große Terz – kleine Terz” aneinander gereihte Septnonakkorde, etwa Claude Debussy im Fall von Nuages. Beim Jazz, wo der Nonenakkord besonders gerne eingesetzt wird, reduziert er sich häufig auf Terz, Sept und None, wodurch er ein “angeschärftes” Profil erhält.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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