Interview mit Tobias Siebert (Klez.e)

„Laut sein und bleiben”

Auf der Suche nach Schuldigen (klez-e.de/ZDF)

Auf der Suche nach Schuldigen (klez-e.de/ZDF)

Am 10. November erscheint via Staatsakt das vielleicht wichtigste Doppelalbum unserer Zeit: November, von Klez.e. So sich auch Vordenker Tobias Siebert nicht den „Atlantikschwimmern“ zu erdenken vermag, zwängen seine angeregten Bassläufe den Konsens kaum ein. Alles ist scheiße. Machen wir das Beste daraus.

amusio: „Hi Tobias, ist es nicht ein wenig prätentiös, ein Live-Doppelalbum zu veröffentlichen?“

Tobias Siebert: „Ach, lass uns doch den Spaß! Wenn ich an die Zeiten denke, in denen Live-Alben als eine Art Geschenk für die Fans erachtet wurden, brauche ich mich nicht zu schämen. Uns war aufgefallen, das wir uns, im Gegensatz zu früher, nicht mehr sklavisch an der Reproduktion orientierten. Sondern beim Abendbrot die Setlist besprachen, mit offenem Ende. Mit der Option auf Improvisation. Darum auch das Doppelalbum.“

amusio: „Auch im Sinne der Erschließung neuer Zuhörerschaften?“

Tobias Siebert:Darum geht es doch immer: Man hofft so sehr gehört – und erhört zu werden! Dass andere Menschen anknüpfen. Und – dies kommt sogar vor!“

amusio: „Ihr habt eine Art Kehre vollzogen. Vom fulminanten Indie-Pop zum Dark Wave. Wie das?“

Tobias Siebert: „Wir haben Leute verloren. Als Trio hat sich der düstere Klangkörper wie von selbst ergeben. Wir wollten Einkehr nehmen. Klar, dass uns das Zeitgeschehen so einiges an Themen rein gepfeffert hat. Kurzum: In dem gefühlt kalten Sound fühlen wir uns wohl. Und können unseren intellektuellen Überbau auch gut einpassen.“

amusio: „Wie halten sich da Mitteilungsbedürfnis und Privatvergnügen die Waage?“

Tobias Siebert: Einfache Literatur muss ich nicht bedienen. Ich will Räume für Interpretationen schaffen. Das mit dem Vergnügen ist so eine zweischneidige Sache.“

amusio: „Also adressiertst du primär Menschen, die ohnehin gewilltt sind, dir zuzuhören?“

Klez.e: "November" (Staatsakt)

Klez.e: “November” (Staatsakt

Tobias Siebert: „Mit der mir gegebenen Naivität. Ich bin noch nicht an jenem Punkt angelangt, an dem sich Leichtigkeit und Zugänglichkeit kreuzen. Aber man sollte damit rechnen, dass alles irgendwo hinkommt, wo es hingehört. Als wir vor zwanzig Jahren in Bioläden gegangen sind, war noch nicht abzusehen, dass sich daraus Warenhausketten entwickeln würden, Aber: Es ist passiert. Durchhalten, Dinge ansprechen, laut sein – und bleiben.“

amusio: „Als Goth wird man von Punks diskreditiert…“

Tobias Siebert: „Wenn man zu schnell in den Vordergrund treten will, wird man gleichermaßen rasch zum Geschäftsmodell.“

amusio: „Aber dann, mit Verlaub, ein Doppelalbum raushauen…“

Tobias Siebert: „Ach, da verdient man doch nichts dran! Zu denken, mit Musik Geld erwirtschaften zu können, ist utopisch. Musiker, Journalisten, Techniker – sie verhungern! Wir sind saufroh, bei einer Firma angeheuert zu haben, die unsere Liebhaberei teilt. Wie auch der Nebelmacher an der Bühne. Der muss – und will – auch essen und trinken…“

amusio: „Auf dem Cover-Artwork von November lasst ihr hingegen Distanz und Nähe gleichermaßen zu. Ein Schnellschuss?”

Tobias Siebert: „Oh, gewiss nicht! Wir haben lange daran gefeilt. Letztlich handelt es sich um einem Schnappschuss der Freundin unseres Tontechnikers. Der Nebel, das Magenta, Killerlicht für professionelle Photographen – das musste es dann wohl sein!“

amusio: „Und Box and The Twins als Support auch?“

Tobias Siebert: „Durchaus ein Doppelkonzert, gleichberechtigt. Wir wollen die gemeinsamen Abende feiern…“

amusio: „Wiewohl Box And The Twins einen anderen Ansatz verfolgen, ein anderes Idiom bemühen, als Klez.e?!“

Tobias Siebert: „Auch deren Eismaschine – in der Wüste – kann politisch verstanden werden. Die gesamte Szene steht für eine andere Sicht, inklusive dem Schmerz, dem wir uns alles so sehr verbunden fühlen.”

Klez.e: "Disintegration" (Staatsakt)

Klez.e: “Disintegration” (Staatsakt

amusio: Klez.e als Genreband oder als Automatismus der Verantwortung?

Tobias Siebert:Ich weiß es nicht.“

amusio: „Im Vergleich zu den toten Hosen oder den böhsen Onkelz, etwa?!

Tobias Siebert: Bei den genannten Bands könnte man vermuten, dass deren Texte von einer Werbeagentur stammen. Ich war kryptisch, weil ich es nicht deutlicher hinbekommen habe. Ich verstehe meine eigenen Texte von damals nicht mehr! Aber in den polemischen Noten finde ich mich wieder. Zurückhaltung und Erkenntnis.“

amusio: „Aber meinst du nicht auch, dass Musik mit zunehmenden Alter immer langweiliger wird?“

Tobias Siebert: „Vehementes Veto! Es ist zwar auch viel Mist dabei, aber ich entdecke – und genieße! Nach wie vor.“

klez-e.de

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