Rapgenius: Interpretationshilfe für Rap-Einsteiger

Mittlerweile ist fast jeder Songtext, der irgendwann einmal abgedruckt wurde, im Internet auffindbar. In den Kommentar-Sektionen dieser lyrics-Seiten finden sich häufig – sehr häufig – Deutungen von Fans und Hörern. Die sind manchmal ganz hübsch, häufig abstrus und meistens schmerzhaft schlecht. Es ist nun einmal noch kein Meister vom Himmel gefallen und das Verstehen von Texten ist nicht immer eine Leichtigkeit. Da sollte man die, die sich die Mühe machen und damit anfangen Liedtexte zu lesen, anstatt nur zur Musik zur feiern, lieber bekräftigen als sich über sie lustig zu machen.

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Tastatur (by Michael Maggs)

Tastatur (by Michael Maggs)

Eine Hilfestellung für solche ersten Gehversuche im Bereich der Liedtext-Interpretation soll Rapgenius geben. Rapgenius kann man sich als Mischung aus Liedtext-Datenbank und dem Typen vom Pausenhof vorstellen, der Sido vor allen anderen gehört hat und deshalb über jeden Text Bescheid weiß. Selbst sieht sich die Seite als Mischung aus Wikipedia, der besagten Liedtext-Datenbank und einem Urban Dictionary. Rapgenius erlaubt seinen Usern nämlich, dass sie Erklärungen zu einzelnen Liedstellen abgeben können. Da wird zum Beispiel erklärt, dass man Weed rauchen kann, dass Para Geld heißt oder dass ein Phönix ein mythischer Vogel ist.

Aber man findet auch zu einzelnen Liedstellen Deutungen, zum Beispiel wird erklärt, dass Brecht im Lied Fäule der Absoluten Beginner für hohe literarische Kunst und Mike Krüger für weniger hohe Kunst steht. Problematisch an diesen Deutungen ist die Anonymität der Autoren. Man mag denken, bei Wikipedia ist es auch kein großes Problem, aber wo sich Wikipedia um Qualitätssicherung bemüht, bleiben die Macher von Rapgenius tatenlos.

Auch mag man anführen, wen kümmert es schon, wenn ein Raptext missgedeutet wird? Das Problem ist, dass im Gewand einer Interpretation politische Meinungen verpackt werden können. Bei Rapgenius wird zwischen lexikalischer Kurzerklärung, wörterbuchhafter Übersetzung, politischer Meinung, lascher Nacherzählung und dilettantischer Interpretation nicht unterschieden. Leicht kann auf diese Weise die extreme Einstellung eines einzelnen zur Objektivität für viele werden.

Nichtsdestotrotz trifft Rapgenius den Nerv der Zeit. Neue Mitglieder finden über das Internet leichten Zugang zu den Musik-Szenen. Der Einstieg wird dadurch entpersonalisiert. Nach Orientierung, nach Deutung und Wahrheit suchen diese Neulinge natürlich ebenso wie die, die vor dem digitalen Zeitalter eine Szene für sich entdeckt haben. Und da trifft eine Idee wie Rapgenius den Zeitgeist wie Tell den Apfel.

Aber muss nun wirklich in einem Fenster erklärt werden, dass ein Apfel eine beliebte Frucht ist und der Autor – also ich – damit auf die Geschichte des Bogenschützen anspielt, der einem Kind die Frucht vom Haupt knallte? Die Antwort darauf darf sich jeder selbst googlen.

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Über Markus Lauert

Westfälischer Lehramtsstudent, der neben seinem Studium journalistische Erfahrungen sammelt. Aus dem Metal-Bereich kommend, unternimmt er immer wieder Reisen in fremde Musik-Genres. Wohl fühlt er sich ebenfalls mit Postrock, Folk und Filmmusik.

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