Understanding Techno I

Voluptas ex machina

In der Reihe “Understanding Techno” veröffentliche ich in unregelmäßigen Abständen Analysen, die über das reine Tagesgeschäft hinausgehen. Die Texte beschäftigen sich mit ästhetischen Grundlagen, Form und Rolle von Technokultur.
Um die Wurzeln von Techno zu verstehen, reist man an den Ort seiner Entstehung, nach Detroit. Detroit ist das Symbol einer zerstörten Utopie, ein Mahnmal der kapitalistischen Moderne und ihren Versprechungen.

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Quelle: Joamm Tall

Quelle: Joamm Tall

Um sich eine Ahnung vom Ausmaß des Verfalls zu verschaffen, genügt ein Blick in den exzellenten Bildband Ruins of Detroit, den die Fotografen Yves Marchand und Romain Meffre vor einiger Zeit herausgegeben haben. Nachdem die Automobilindustrie den Standort für unrentabel befunden hatte, versank die Stadt zunehmend in Arbeitslosigkeit und Kriminalität.

Diese dystopische Erfahrung, die sich Techno mit Punk teilt, ist die Grundlage für das Verständnis der musikalischen und bildlichen Ästhetik der Bewegung. Die repititiven Klänge müssen vor diesem Hintergrund als ein untotes Nachhallen der Maschinen und Fließbänder reinterpretiert werden. Gewissermaßen liefert Techno erst die ikonographische Ästhetik für die minimalistischen Wiederholungen eines Avantgardisten wie Steve Reich.

Dunkle verlassene Fabrikhallen, die gewissermaßen als scene of crime fungieren, sind folglich auch der ideale Austragungsort für diese Art der Feier. Die Reinstanziierung der Fabrik als Genussort, kommt einem visuellen und geographischen Sampling gleich, das als detournement zu verstehen ist. Dort, wo die Maschinen tanzten, tanzen nun die Menschen. Was einst der Produktion gehörte, fällt nun dem Exzess zum Opfer.

Die Stimme der Maschine nicht in ihrem festgesteckten Rahmen, sondern als körperloses Gespenst sprechen zu lassen, sie also ihrer symbolischen Ordnung zu entreißen, macht sie gleichsam unschädlichen in ihren beherrschenden und disziplinierenden Trieben wie sie an anderer Stelle zu einer genussvollen Unterwerfung beiträgt. Techno ist also eine Subversion par excellence.

In David Finchers Fight Club gibt es eine Szene, in der der Protagonist sich vor den Augen seines Chefs selbst zusammenschlägt. Was auf den ersten Blick gestört wirkt, hat seine Tiefe in der psychologischen Konsequenz. Der Untergebene beraubt seinen Chef von der Gewalt, die dieser über ihn hat, und missbraucht sie als ein obszönes Genussmittel. Er macht seinen Vorgesetzten gewissermaßen überflüssig: Sieh her, dass, was du dir eigentlich wünscht zu tun, kann ich auch alleine. Ich brauche dich nicht mehr.

Ebenso wird die Unterwerfung der Maschine in eine kollektive Jouissance pervertiert. Sie muss nicht einmal physisch anwesend sein. Indem sich die Untergebenen die Gewalt selbst in Form von genussvollem Tanz antun, entkernen sie die Maschine auf den letzten Rest ihres obszönen, ewigen, repititiven Genießens, das sie ihr dann entreißen.

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Über Fabian Vallon

Seit 4 Jahren in Frankfurt wohnhaft, über den Punk zu Techno gekommen, immer ziellos in der Stadt unterwegs, produziert selbst unter dem alias quantities, Teil des Untergrunds, mag Slavoj Zizek und sammelt alte Spex-Ausgaben.

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