Desolation – Desoriented: So brillant, man möchte sich erhängen!

Da arbeitet man sein Leben lang auf die Entwicklung einer elaborierten Sprache hin und das Einzige, was man nach dem Hören eines Albums noch von sich geben kann, ist ein ekstatisches Grunzen, während man sich selig in einem Songs nach dem anderen suhlt. Desoriented ist genau so ein Album. Denn obwohl der Titel der Musik alle Ehre macht und den Hörer in ein düsteres Labyrinth voller Schmerz, Verzweiflung und Gräber am Wegrand führt, will man die Scheibe dennoch packen, in den CD-Player pressen und diesen mit Sekundenkleber zukleistern, damit das Ding auch ja an Ort und Stelle bleibt.

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Da findet sich auch wirklich keiner zurecht: Das Cover von Desoriented (Quelle: Rebellion Records Germany)

Da findet sich auch wirklich keiner zurecht: Das Cover von Desoriented
(Quelle: Rebellion Records Germany)

Gut, das kommt hin und wieder vor. Doch wenn es sich bei dem Album um das Werk einer Band handelt, von der vermutlich die Wenigsten je etwas gehört haben, und die eine winzige Fangemeinde von 144 Leuten auf Facebook besitzt, ist dies noch umso faszinierender.

Denn die Hannoveraner von Desolation klingen partout nicht, wie ein Act, den Opa Helmut seinem Metaller-Enkel bei Omas Kaffeekränzchen heimlich empfiehlt; oder der seine Scheibe im Hinterhof von Dieters Autowerkstatt aufgenommen hat. Bereits beim Opening Track „Home is where the Heart is“ fragt man sich sofort „Holy Shit, war da etwa ein Wacken-Headliner, von dem ich noch nichts mitbekommen habe?“. Packend beklemmender Sound mit zwei genialen Growl-Stimmen, schreiende Riffs und Keyboardparts, die wie aus den guten Zeiten von Cradle of Filth klingen. Und das über zehn Songs hinweg, ohne auch nur eine Sekunde zu schwächeln.

Songtitel in Englisch („On Bloodshed“), deutsch („Ich hasse die Welt ein bisschen“), französisch (L’auberge d’ésolation“), lateinisch („Agnus Dei“), hä, wie, was? Ja genau. Dennoch wie aus einem Guss. Und ohne, dass man als Hörer das Gefühl bekommt, da möchte einer unbedingt seine neuerworbenen Sprachkünste von der Volkshochschule an den Mann bringen. Stattdessen verzehrt einen eher der Eindruck, dass keine Sprache, kein einziger Ort der Welt eine glückliche Heimat bieten kann.

Das Sextett aus Niedersachsen schreit über Orientierungslosigkeit im Leben, greift dabei zahlreiche kulturelle Anspielungen mit teils bitterem Humor auf und vertont die zerreißenden Gefühle wie Zukunftsangst und Ratlosigkeit. Zeigt die Leere in einer so vollgepackten Welt auf.

Allein steht der Hörer am Ende dieses fast einstündigen Albums unter dem Himmel, will sich nach dem Crescendo aus Black und Death Metal nur noch an der nächstbesten Straßenlaterne aufhängen, doch dann wird ihm noch ein einziger Funken Hoffnung erscheinen:

Die Tatsache, dass die Scheibe, die er gerade gehört hat, so genial ist, dass das Leben doch wieder einen Sinn macht.

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Über Anne-Catherine Swallow

Geboren 1987 in Heidelberg, aufgewachsen in Paris, Diplom Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus aus Hildesheim. Zu haben für alles, was laut, düster und böse ist.

Eine Antwort auf Desolation – Desoriented: So brillant, man möchte sich erhängen!

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