Mein erstes Mal: Mama, darf ich meinen Hamster opfern?

Obwohl mein großer Bruder sich alle Mühe gab, mich ab 11 dank der ersten Nightwish-Alben für den Heavy Metal anzufixen, zeigte ich mich anfangs nur zögernd willig und schunkelte sanft zu HIM herum. Um in der Schule aber zu dem Ruf des bösen Ziegenschlachters zu kommen, war mehr nötig und mein Leben als strikter Pflanzenfresser kam der Sache nicht gerade zu Gute. Also musste ich mir etwas einfallen lassen. Mit 15 geriet ich also in die Bredouille, dass ich mir unbedingt ein Shirt von Cradle of Filth kaufen wollte, weil die Designs so schick und Cradle of Filth ja bitteschön ganzdollemegaböse sind.

Administriere bereits ab €0,- Deine Sprachschule!

Der Hit auf allen Metalfestivals: Christliche Demonstranten (Quelle: Anne Swallow)

Der Hit auf allen Metalfestivals: Christliche Demonstranten (Quelle: Anne Swallow)

Aber leider Teufels kauft man sich kein Merchandise ohne die Bands zu kennen, erstens um nicht als Poser dazustehen, zweitens weil man nie weiß, auf was man sich da einlässt („Ach du stehst auch auf nationalsozialistische Mörder, die Kirchen anzünden? Cool, lass uns mal Tischtennis spielen!“).
Mission unmissverständlich: Ich musste mir mindestens ein Album von Cradle of Filth kaufen, den Namen auf Schultische kritzeln und ein Konzert besuchen.

Letzteres gestaltete sich jedoch etwas schwieriger, da bis zu dem Zeitpunkt meine Eltern nicht sonderlich scharf darauf waren, mich allein auf Konzerte in Paris zu lassen und ich wiederum nicht scharf darauf war, meine christlichen Erzeuger in ein Meer schwarzer Gestalten mitzunehmen, auf deren T-Shirts hochpoetischerweise „Jesus is a cunt“ geschrieben stand.
Ich also so „Mamaaaaa? Mama, darf ich zu Cradle Of Sdfgthrhmpf..?“ Unterschätze niemals die Google-Willigkeit von besorgten Eltern. Aber ich hatte noch einen Joker im Ärmel, dessen Existenz ich mir gar nicht bewusst gewesen war: Nachdem meine Mutter anderthalb Stunden bei Bush im Moshpit gestanden war, sah ihre allgemeine Willigkeit zur Wiederholung davon eher mickrig aus:
„Muss ich da mit, Kind?“
„Nein, Mama.“

Also gruftete ich mich im Frühjahr 2003 auf, so gut, wie dies mit Pimkie-Klamotten und Muttis Puderdose ging, und begab mich in die Gesellschaft von 1500 Leute, gespannt auf eine Show, wie ich sie zuvor auf DVD gesehen hatte, mit viel Kunstblut, Showeffekten und halbnackigen Tänzerinnen.
Weit gefehlt. Sparmaßnahmen herrschten scheinbar im Camp Filth und alles, was ich geboten bekam, war ein fettwerdender Dani in zu engem Netzoberteil und eine ziemlich magere Setlist. War mir aber egal, ich hatte endlich meinen Eintritt in die Welt des Extreme Metal abgeleistet und mir sogar eine winzige Kriegsverletzung am Handknöchel zugezogen, die ich stolz herumzeigen konnte.

Als meine Eltern mich nach der Show mit dem Auto abholen kamen, waren sie von „Jesus is a cunt“ irgendwie not amused, aber ich konnte mich mit Hinweis auf meine mangelnden Englischkenntnisse ganz gut aus der Affäre herausreden. Oder auch nicht. Denn künftig musste ich von Konzerten immer alleine nach Hause fahren. Und meinen Hamster durfte ich auch nicht opfern…

PS.: Auch bei Facebook? Dann werde Fan von amusio!

Über Anne-Catherine Swallow

Geboren 1987 in Heidelberg, aufgewachsen in Paris, Diplom Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus aus Hildesheim. Zu haben für alles, was laut, düster und böse ist.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>