Understanding Techno II

Wiederholung und Phantasma

Das, was Techno (und so ziemlich allen der elektronischen Spielarten) am meisten angelastet wird, ist die konstante Wiederholung, die – so zumindest die Kritiker – nur monotone, generische Lieder erzeuge. Blickt man sich jedoch in anderen Genres um, vorallem jenen, die weitläufig als sophisticated gelten, findet man dort auch nichts anderes als immergleiche Rhythmen. Um eine Swingnummer zu beherrschen muss ein Drummer eigentlich nichts dazulernen, er muss das Stück nicht besonders gut kennen, sondern kann sich auf den synkopischen Standard verlassen, der solchen Stücken zugrundeliegt.

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Quelle: Wikipedia

Gemäß dem Bonmont, dass man feststellen kann, ob eine Musik populär ist, indem man prüft, ob es heißt, das würde schließlich alles gleich klingen, kann man auch hier zumindest den bittersten Kritikern über den Mund fahren. Außerdem liegt in der Wiederholung, gerade in der Monotonie des 4/4 noch ein weitaus größerer Schatz vergraben, den die Kulturkonservativen aus reinem Snobismus geflissentlich übersehen.

Frühe Minimalisten wie La Monte Young oder John Cage erkannten schnell eine Art spirituellen Zugang zu einfachen, sich wiederholenden Tonfolgen. Sie verbanden die Wiederholung mit buddhistischen Techniken der Meditation und fernöstlichen Methoden des mind exploring und der Psychonautik. Techno hat diese, so möchte ich zumindest sagen, New-Age-Altlast glücklicherweise abgestreift. Es bleibt jedoch das abstrakte Prinzip, das das wissenschaftliche Pendant zur Meditation ermöglicht: die freie Assoziation.

Ist es bei den meisten populären Genres so, dass sie mittels Liedtext eine Geschichte oder zumindest ein präzise definiertes Gefühl vermitteln wollen, verzichtet Techno auf diese Art der Bevormundung und ermöglicht dem Zuhörer, sich selbst auf die Musik zu projezieren. Die verzerrten, unzusammenhängenden Bilder, die die Musik in einem evoziert, die Trance und das Verschmelzen mit Raum und Klang im Tanz, sind Ausdruck eines individuellen Phantasmas, das an die Oberfläche des Betrachters gelangt.

Dadurch dass Techno zur Selbstexploration dient, ist es eigentlich ein klares Beispiel für funktionelle Musik, in Abgrenzung zur Unterhaltungsmusik. Daran ändert auch der Tanz nichts, der – auch von den Tänzern unbewusst realisiert – nur ein Mittel zum Zweck darstellt, die bewussten Widerstände der Psyche zu schwächen.

Die komplette Reihe “Understanding Techno”

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Über Fabian Vallon

Seit 4 Jahren in Frankfurt wohnhaft, über den Punk zu Techno gekommen, immer ziellos in der Stadt unterwegs, produziert selbst unter dem alias quantities, Teil des Untergrunds, mag Slavoj Zizek und sammelt alte Spex-Ausgaben.

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