Ein kurzes Plaidoyer für Vintage

Jedes Musikinstrument ist eine Art Übersetzer. Es überträgt die individuellen Ausdrucksmuster des Instrumentalisten auf (überwiegend) akkustisch wahrnehmbare Frequenzen. Klangästhetik ist natürlich Geschmacksfrage, und über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Fakt ist jedoch, dass sich aus einem Instrument nicht mehr herausholen lässt als die Qualität seiner Verarbeitung hergibt. Die wiederum hängt ganz entscheidend vom Material ab und den physikalischen Gesetzmäßigkeiten zu Schall und Schwingung. Der Teufel steckt im Detail.

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Julius Keilwerth "The New King"; Quelle: Kristina Karasjow

Julius Keilwerth “The New King”; Quelle: Kristina Karasjow

Infolge des globalen, marktwirtschaftlichen Drucks, der in fast allen Berufszweigen Niederschlag findet, wurde auch der Instrumentenbau der Kompetenz hochtechnisierter Messgeräte und Maschinen anvertraut. Der Zeitfaktor zur Herstellung eines Instruments verkürzt sich mit steigender Produktionsrate, was sicherlich ökonomischer ist und den Kaufpreis gleich welchen Musikinstruments auch für Einsteiger auf überschaubare Dimensionen runterdrückt. Tolle Pluspunkte.

Man muss dem High-Tech-Instrumentenbau dieses Jahrtausends sogar zugeben, dass ein grundsätzliches Problem vermieden werden kann, welches bei handgearbeiteten Instrumenten oftmals kaufinbegriffen ist: Die delikaten Unstimmigkeiten innerhalb eines Instruments. Mein Tenorsaxophon beispielsweise ist ein vernickeltes Julius Keilwerth The New King aus dem Jahre 1958, und es verlangt mir besonders in den oberen Lagen einen regelrechten Eiertanz der Lippenspannung ab: Die Intonation der Kanne lässt dort zuweilen so stark zu wünschen übrig, dass ich den gewollten Ton nur über einen Pi-mal-Daumen-Ansatz und satter Bauchstütze erzwingen kann. Andernfalls würden sich mir auch die Nackenhaare aufrichten.

Trotzdem würde ich mein Vintage-Keilwerth mit den schönen Engelsflügel niemals gegen ein maschinell produziertes Saxophon aktueller Standards eintauschen. Der Grund ist ein ganz einfacher: Charakter. Der heutigen Massenware von Yamaha oder Yanagisawa fehlt erschreckend häufig die Eigennote, Individualität, wenn man so möchte. Diese Instrumente glänzen mit feinjustierter Klappenmechanik und hervorragender Intonation, aber sie klingen allesamt ziemlich gleich. Keine Eier, wie der Bluesmusiker zu sagen pflegt.

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Über Bowls Götzke

Bowls Götzke | Musiker, Schreiber, No-Budged-Filmemacher, Manager, Künstler, Motto: .sTyle ist nicht alles, aber ein Tyle davon.

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