Der Schubladenzertrümmerer

Trentemøller: “Lost”

Das puristische Cover erinnert an das Artwork diverser Joy-Division-Platten, und auch sonst ist der schwedische Musikproduzent Anders Trentemøller stark mit der Stilvielfalt der späten 1970er und frühen 1980er Jahre verbunden. Verloren ist er dabei nicht, wie es der Albumtitel uns weißmachen will. Im Gegenteil: Auf seinem dritten Werk verbindet er die Quintessenzen seiner Vorgänger und gelangt so zu überraschenden Erkenntnissen und Eindrücken.

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Wieder mal anders, der Anders: Trentemøllers neuer Streich "Lost" (Quelle: In My Room)

Wieder mal anders, der Anders: Trentemøllers neuer Streich “Lost”
(Quelle: In My Room)

Man sollte sich nicht in die Irre leiten lassen. Hier wird kein Lounge-Opus kredenzt. Zwar kommt der Opener “The Dream” mit den Gastmusikern von Low extrem sediert daher, aber das ist ein typisches Trentemøller-Stilmittel: Das Spiel mit den Erwartungen seiner Hörerschaft. Dieses Kunststück beherrscht er perfekt.

Denn spätestens mit dem hypnotischen “Still On Fire” ist sie wieder da, diese bedrohliche, gespenstische Atmosphäre, die den Musikproduzenten in die Nähe solcher Bands wie Suicide oder eben auch Joy Division bringt. Böse Bässe paaren sich mit leiernden E-Gitarren, trockene Beats und verwaschene Synthies sorgen für den nötigen Dreck.

Trentemøller ist der alternativste Musiker und den DJs und Musikproduzenten. Vielleicht fällt es auch daher Musikern wie Jonny Pierce von The Drums so leicht, sich in die Stücke einzufühlen. “Never Stop Running” jedenfalls wirkt so, als wäre Pierce schon immer Teil der Trentemøller-(Alb-)Traumfabrik gewesen. Das selbe gilt auch für Raveonettes-Frontfrau Sune Rose, die dem unterschwelligen “Deceive” mit verschlafen-erotischer Stimme dem Track eine gehörige Portion Surrealismus verpasst.

“Lost” erinnert an alternative Vernissagen und Kunstausstellungen, an Parties in stillgelegten Fabrikhallen oder Betonbunkern. Das Album ist wie ein Soundtrack zu drogeninduzierten Videoinstallationen. Und wie es bei großer Kunst üblich ist, erschließt sich das Werk erst bei genauerer Betrachtung.

Denn Trentemøller hat viele Haken eingebaut und Details versteckt, die sich erst nach mehrmaligem Hören offenbaren. “Lost” will erschlossen werden, will gehört werden mit allen Sinnen. “Lost” ist der Vorschlaghammer, der die Schubladen in unseren Köpfen zu Kleinholz verarbeitet.

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Über Daniel Dreßler

Freier Musikjournalist und Radiomoderator aus München. Befürworter der alternativen im Allgemeinen und der elektronischen Klangkunst im Besonderen. Der Strom macht die Musik!

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