Interview mit In Extremo

Wenn der Tourbus davonfährt, Schrott im TV läuft, die Bühne brennt und man im Mittelalter festsitzt

Kurz vor dem Release ihres neuen Albums „Kunstraub“ heizen In Extremo die Vorfreude noch einmal mit großen Kohleschaufeln an und melden sich bei uns in Person von Dr. Pymonte zu Wort. Der Harfenzupfer, Dudelsacktröter und Bearbeiter der Schalmei steht seit fast zwanzig Jahren mit der Mittelalter-Rockband auf der Bühne, die nicht nur eine der größten deutschen Acts ist, sondern auch immer wieder mit neuer Kreativität an die Musik herangeht – und natürlich zahlreiche Feuerchen während der Bühnenshow legt.

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Trinkfreudige Spielmannsgesellen: In Extremo (Foto: Maarten Corbijn)

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Gut gelaunt und entspannt plauderte er am gestrigen grauen Morgen über davonfahrende Tourbusse, den Einheitsbrei des deutschen Fernsehens und den Sinn des Lebens. Und natürlich Schnaps! Denn In Extremo waren schon immer heitere Gesellen.

Hallo Pymonte und danke, dass du dir trotz des Release-Stresses Zeit für uns nimmst! Euer neues Album ist wieder einmal der Hammer, aber fangen wir doch mal mit etwas ganz Theoretischem an, bevor wir zur Musik kommen: Wenn man dich für ein Jahr lang im Mittelalter aussetzen würde, was würdest du tun und was würde mit dir geschehen?

Ich würde wahrscheinlich Jäger sein. Irgendwie musste man ja damals an sein Essen kommen und sich durchschlagen. Obwohl, das war damals ja dem Adel vorbehalten..? Dann wäre ich stattdessen wohl Spielmann geworden. Aber im richtigen Leben bin ich auch Jäger, dort oben in Rügen, wo ich mich meist zum Ausruhen hinbegebe, gibt es viel Wald und ich bin gern draußen in der freien Natur.

Also hättest du keine Probleme mit der Inquisition bekommen?

Stimmt, das wäre für mich, der nicht an Gott glaubt, wohl schwierig geworden, wenn wir jeden Tag zum Beten hätten antanzen müssen.

Gerade deutschsprachiger Rock hat in den letzten Jahren einen großen Hype erlebt – im Prinzip kann es euch ja egal sein, ihr wart schließlich schon vorher sehr bekannt, dennoch: Wie steht ihr zu diesem Wandel und dem plötzlichen Kommerz in Sparten, die früher eher unbeliebter waren?

Naja, dass die Szene wächst, ist klar, früher gab es nur die Stones und die Beatles und mittlerweile steht an jeder Ecke eine Rockband, aber das ist ja auch in Ordnung. Und zu sagen, dass für uns „nicht genügend übrig bleibt“ vom Erfolg wäre Quatsch, denn jede Band macht ja auf ihre Weise eine eigene Aussage.
Ich finde zwar gut, dass Künstler sich wieder auf die deutsche Sprache fixieren und nicht alles durchweg amerikanisiert ist, aber leider kann das in der Popmusik manchmal sehr unschön werden, du weißt schon, diese weichgespülten Pullover „Rocker“, mit zu engen Hosen und Vollbart… sicher, man will zwar nicht lästern, aber mir persönlich geht das schon ziemlich auf die Eier. Bei Klassik oder Liedermachern ist das aber wieder etwas anderes, wenn die deutschen Texte gut durchdacht, geistreich sind und einen Mehrwert haben, finde ich das super. Hauptsache es ist nichts von der Stange.

Also bist du doch sicher auch großer „Fan“ von Promi Big Brother?

Um Gottes Willen, so etwas gucke ich gar nicht, und ich wäre sogar froh, wenn Fernsehen irgendwann wieder von diesem Erdball verbannt wird. Obwohl es bei Regionalsendern oftmals noch qualitativ Hochwertiges gibt, seien es Dokus oder ähnlich geistig Substanzielles. Aber was man sonst so in der deutschen Medienlandschaft entdeckt, ist wirklich erschreckend, da kann ich gern mal zu einem Song von uns überleiten, der das anspricht, nämlich „Der Gaukler“. Er soll eine Hommage an fahrende Spielmänner und simple Unterhaltung sein, eine Erinnerung an Zeiten, bei denen Kinder mit Zuckerwatte in der Hand, sich noch enorm über eine Riesenradfahrt freuen konnten, oder über Luftballontiere – heute schaut ja jeder nur noch auf sein Smartphone, hat stellenweise arge Beschäftigungsprobleme und weiß die kleinen Dinge des Lebens nicht mehr zu schätzen.

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Über Anne-Catherine Swallow

Geboren 1987 in Heidelberg, aufgewachsen in Paris, Diplom Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus aus Hildesheim. Zu haben für alles, was laut, düster und böse ist.

2 Antworten auf Wenn der Tourbus davonfährt, Schrott im TV läuft, die Bühne brennt und man im Mittelalter festsitzt

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