ORPHANED LAND, 25.09.2013, Bochum, Matrix

Unter Brüdern: Heavy Metal als Völkerverständigung

Was geschieht, wenn man Juden, Muslims und Christen zusammen in einen kleinen Club sperrt? Es fliegen die Fetzen! Und zwar nicht mit Kalaschnikow und Granaten, sondern mit Gitarre, E-Bass und Schlagzeug. So unterschiedlich wie der kulturelle Hintergrund der vier Bands, die beim ORPHANED LAND-Gig in der Bochumer Matrix in die Saiten hauten, war auch ihr Musikstil. Doch eines hatten sie gemeinsam: Heavy Metal als ihre Religion.

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Mit Message und Charisma: ORPHANED LAND (Bild: Th. Mendle)

Mit Message und Charisma: ORPHANED LAND (Bild: Th. Mendle)

Woanders bekriegen sich ihre Völker, hier traten sie auf derselben Bühne auf – ein solches Package bekommt der Metalfreak selten zu Gesicht. Als Opener für die Israelis heizte nämlich die palästinensische Formation BILOCATE aus Jordanien an. Die wiederum bekamen den Weg bereitet von den Franzosen KLONE.

Noch vor der offiziellen Anfangszeit – eine üble Marotte, die immer mehr um sich greift – mussten die erst 2012 gegründeten THE MARS CHRONICLES ihren Set spielen. Passend zu ihrem Bandnamen kamen die Franzosen in Weiß gewandet auf die Bühne und gefielen mit anspruchsvollem, geradlinigem Progressive Metal a la Fates Warning.

Ganz andere Saiten zogen ihre Landsleute von KLONE auf. Das raue Material der Gallier bewegt sich zwischen Nu Metal und Melodic Death, deutlich beeinflusst von Korn, Pearl Jam und Pantera. Besonders herausragend: Sänger Yann Ligner, der genretypisch einerseits schönen, sanften Klargesang beherrscht, im nächsten Moment dem Metalhead aber mit fiesen Growl-Attacken die Kutte flattern lässt.

Keine Gefangenen machten BILOCATE. Die Araber zimmerten den Konzertgängern derben Melodic Death in die Gehörgänge, der sich immer wieder mit ruhigen, sanften – fast schon elegischen – Passagen abwechselt. Shouter Ramzi Essayed könnte schon fast als der Chuck Billy des Nahen Osten durchgehen.

Mitreißende Völkerverständigung per "Oriental Metal"  (Bild: Th. Mendle)

Mitreißende Völkerverständigung per “Oriental Metal” (Bild: Th. Mendle)

„Wir kommen aus einer Region, wo sich unsere Völker gegenseitig umbringen. Doch eigentlich sind wir Brüder – hier stehen wir als Freunde auf derselben Bühne. Und haben dieselbe Religion – den Heavy Metal“, sagt der charismatische ORPHANED LAND-Sänger Kobi Farhi. Die Israelis haben einen großen Teil ihrer Fans in den arabischen Ländern, was sich auch im Publikum niederschlug. Syrer, Tunesier, Iraker und auch Türken waren in großer Zahl gekommen. Und für die Klang gewordene Völkerverständigung sorgten die Israelis – Juden ihres Zeichens – nicht zu knapp. „Oriental Metal“ ist ihr Metier, dahinter verbirgt sich ein einzigartiges Gemisch aus Power- und Progressive Metal mit starken orientalischen Einflüssen. Den Schwerpunkt legten ORPHANED LAND in Bochum auf das Material ihrer viel beachteten neuen Scheibe „All is One“, die weniger progressiv und deutlich eingängiger daherkommt als ihre Vorgänger und obendrein mithilfe eines Orchesters und eines Chors eingespielt wurde.

Melodic Death aus Jordanien: BILOCATE  (Bild: Th. Mendle)

Melodic Death aus Jordanien: BILOCATE (Bild: Th. Mendle)

Und als gälte es, das jahrzehntelange Blutvergießen an einem Abend zu beenden, legten sich die Metaller ins Zeug. Die Kracher der neuen Scheibe wie All is One, Through Fire and Water und Let the Truce be Known rissen die Besucher genauso mit wie älteres Material a la Sapari. Der Spaß am Spielen war der Band deutlich anzumerken. Die wunderschöne Ballade Brother rief zum Frieden auf, und die Nummer Children war den traumatisierten Kindern in Syrien gewidmet, denen der Bürgerkrieg ihre wertvollsten Jahre raubt. Das einzige, was die frenetische Stimmung der Fans etwas trübte, war das überflüssige, aber zumindest kurz gehaltene Schlagzeugsolo.

Energiebündel Farhi – barfuß und im langen, wallenden Gewand – legte eine Menge Selbstironie an den Tag: „Ich bin Jude und mache gern Geschäfte. Also machen wir nun die Musik und Ihr singt. Haben wir einen Deal?“. Er hatte!

Musikalisch wurden die Besucher maximal gut bedient mit einem Package aus vier völlig verschiedenen Metalstilen auf hohem Niveau. Mit einem Headliner, der einen weltweit wahrscheinlich einzigartigen Musikstil bietet – und obendrein noch eine schöne Message im Gepäck hat. Was will man mehr?

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Über Thomas Mendle

Freier Journalist und Autor. Lebt nach Zwischenstationen in Tübingen, Phoenix/Arizona und Bonn in Düsseldorf und arbeitet für mehrere große Tageszeitungen sowie für die dpa. Rock, Hard Rock und Heavy Metal gehören ebenso zu seinen Spezialgebieten wie Auto und Motorrad.

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