Skandal-Schlitzer Niklas Kvarforth im Interview

SHINING: Mit Selbstverletzung zur Erleuchtung – aber ohne Facebook.

Niklas Kvarforth und seine Suicidal Black Metal Band SHINING polarisieren so stark, wie sonst fast kein Act. Was für die Einen als Posergehabe und Gestörtes abgetan wird, ist für Andere eine regelrechte Religion, ein Kult, eine finstere Lebenseinstellung. Während Liveshows fließt das Blut noch schneller als der Alkohol, Kvarforth zersäbelt sich, schneidet Fleischstücke aus sich selbst, bietet sie dem Publikum zum Verzehr an und verteilt Rasierklingen, predigt, dass die Welt so verkommen ist, dass sich auf gutdeutsch am besten alle sofort umbringen sollen und Black Metal Gekeife gibt’s dazu erst recht. Noch Fragen?

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Genial oder gestört? Niklas Kvarforth live in Deutschland (Foto: Anne Swallow)

Genial oder gestört? Niklas Kvarforth live in Deutschland (Foto: Anne Swallow)

Was hier ironisch klingt, ist es jedoch nicht – oder doch? Denn der schwedische Sänger vereint so viele Persönlichkeiten in sich, dass man nie wissen kann, auf welche man gerade trifft: Während er sich in einem Interview noch als gottesgleich inszeniert und Journalisten lächerlich macht, kann er sich in seinem nächsten schon wieder völlig klein, unscheinbar und tiefgründig geben.

Nach Veröffentlichung des “achteinhalbten” Shining Albums “8 ½ – Feberdrömmar I Vaket Tillstånd”, das eine Compilation aus uralten Songs darstellt, die von Gastsängern neu aufgenommen wurden, wagten wir uns auch einmal vorsichtig daran, den ominösen Herren zu seiner Arbeit zu befragen – und sieh’ an, er hatte scheinbar einen guten Tag!

Amusio: Du hast mit so zahlreichen hochkarätigen Sängern auf deinem letzten Album gearbeitet, darunter auch Ex-Gorgoroth Frontmann Gaahl oder die Mayhem-Herren Attila und Maniac. War es nicht hart, fast jedes Stück von einer anderen Person singen zu lassen und dennoch deine eigenen Vorstellungen durchzusetzen?

Niklas Kvarforth: Ich habe von Anfang an beschlossen, bei keinem der Vocal-Recordings dabei zu sein, weil meine Meinungen und mein hitziges Gemüt den ganzen Prozess nur verlangsamt hätte. Deshalb gab ich jedem Künstler die komplette Freiheit, mit dem Material zu machen, was sie möchten – und ich war sehr zufrieden mit dem Resultat. Aber ich gestehe, dass ich teilweise große Angst davor hatte, mir überhaupt vorzustellen, was diese Leute mit meiner Musik anstellen würden und wenn ich mir manche Dinge nun anhöre, habe ich immer noch Schwierigkeiten, das zu verdauen.

Momentan bist du dabei, die zweite Auflage deines Buches zu verkaufen, das alle Songtexte enthält, die du je geschrieben hast. Ziehst du in Erwägung in Zukunft noch mehr Literarisches zu veröffentlichen, vielleicht sogar eine Autobiografie?

Ich habe schon eine Autobiografie geschrieben, als ich vor ein paar Jahren im Gefängnis saß. Aber letztendlich entsprach das Ganze nicht dem Standard, den ich erreichen wollte und ich hatte das Gefühl, dass ich in dem Moment nicht ehrlich genug gewesen bin – deshalb habe ich dieses Projekt verschoben.
Scheinbar haben aber recht viele Leute Interesse an meiner Lebensgeschichte und zahlreiche offene Fragen, deshalb versuche ich, bald ein Buch in dem Sinne fertig zu haben, aber natürlich braucht das Zeit. Außerdem habe ich noch zwei andere Buchprojekte im Kopf, aber welches davon zuerst das Licht der Welt erblicken wird, weiß ich nicht einmal selbst.

Depressionen und Selbstverletzung sind meist verbunden mit Menschen, die verzweifelt ihre Probleme lösen möchten und ich gehe davon aus, dass viele Fans deine Musik besonders deshalb hören, weil sie sich durch sie verstanden fühlen und sich damit selbst therapieren möchten – aber laut deinen Aussagen möchtest du das ja gar nicht, du sagst, du willst mit deiner Musik die Leute zur Selbstzerstörung anheizen und sie tiefer in ihren Selbsthass treiben. Wie ist also deine Reaktion, wenn Fans dich kontaktieren und sich von dir Verständnis und Hilfe erhoffen?

Mich kann niemand kontaktieren, ich bin bei keiner Onlineplattform angemeldet, weder bei Facebook oder Twitter oder was für Zeug ihr Menschen sonst noch benutzt, um euch besser mit eurem Leben zu fühlen. Zwar besitze ich eine E-Mail-Adresse, die ich eingerichtet habe, als das Phänomen Internet auftauchte, doch die haben höchstens dreißig Leute auf der ganzen Welt… fuck, wenn ich es von der Perspektive aus betrachte, fühle ich mich langsam ganz schön alt…

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Über Anne-Catherine Swallow

Geboren 1987 in Heidelberg, aufgewachsen in Paris, Diplom Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus aus Hildesheim. Zu haben für alles, was laut, düster und böse ist.

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