Schneller, höher, irrer

Das Nightcore-Phänomen

Da singt Minni Maus auf Koks. Da tackert der Beat wie eine Nagelpistole, die Subwoofer flimmern mehr, als das sie vibrieren und das ganze stammt ursprünglich von Mike Oldfield? Ja. “Moonlight Shadow nightcored”. Was ist Nightcore, bitte? Am ehesten eine schnelle, irre Mischung aus Dubbing, Highpitch-Vocals, Breakbeats und Fanart. Es klingt japanisch, es passt zu Anime-Bildern (und dem fieberhaften Lebensgefühl einer reizüberfluteten Zeit) und stammt ursprünglich aus der PC-Fantasie zweier dänischer Musiker, die ihren Lieblingssong durch ein paar Bits und Bytes zuviel schickten und den Pitch bis ultimo erhöhten. Dieses Projekt hieß „Nightcore“ und gab schlussendlich der Bewegung den Namen. Und wurde ein Riesenhype – auf Youtube.

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Quelle: Packet of Random Bild:Oberservz

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Let’s nightcore it all
Auch wenn die beiden Dänen die Latte für die heutigen Nightcore-Titel durch eine Karriere in der Happy-Hardcore-Szene hochgelegt haben  wäre es fatal Nightcore mit Techno zu verwechseln. Übersteuerte Pianohooklines, Breakbeat-Elemente und häufig weibliche (oder verweiblichte Vocals) weisen tatsächlich Ähnlichkeiten auf. Dennoch verselbstständigt sich der Hype immer mehr.

Jugendliche bombardieren Musikforen mit kaum zu beantwortenden Fragen nach dem Ursprung des Nightcore, nach Empfehlungen, passender Software, Bildern und angesagten Liedern, die sie „mal“ nightcoren sollen. Am ehesten kann man „Nightcore“ als Fanbewegung auffassen, denn ein Subgenre würde voraussetzen, dass die Musikindustrie die Richtung entdeckt und professionell umsetzt und vermarktet. Aber was für eine Marktlücke wird da verpasst? Allein der 1stündige Nightcore-Mix auf Youtube der mit o.g. Oldfield Nummer beginnt, bringt es auf satte 5 Millionen Aufrufe, beinahe alle anderen Stücke liegen bei mindestens hunderttausenden Klicks. Und es gibt nichts, was man nicht „nightcoren“  kann.

Die Nacht hat einen Kern?
Die meisten Nightcoretracks haben nie ein anderes Studio als einen PC gesehen, sind handmade und werden von regelrecht rituell nur von einem besonders schönen, passenden, colorierten Titelbild einer Mangaserie begleitet und dann in Youtube gestellt. Sie verbreiten sich von dort rasend schnell und kommen innerhalb weniger Tage auf Hundertausende Klicks. Wie geht das? Ziemlich einfach. Das Nightcoresortiment ist inzwischen so groß, dass man einfach nur sein Lieblingslied in Youtube mit dem Schlagwort Nightcore versehen muss. Keine ärgerlichen Gema-Verweise halten einen auf, die Playlist spielt keine speicheraufwändigen Videos und so hat man schnell seinen Kram beisammen und übersteht hellwach die längsten Whatsapp oder WOW Nächte. Nightcore – Der Kern der Nacht heißt „Wachbleiben und Weiterzocken/chatten/feiern“. Liefe Nightcore nachts im Radio würde sicher die Anzahl der Unfälle durch eingeschlafene Fahrer drastisch abnehmen. Ein virtueller Rave mit Headset. Schneller, höher, irrer!

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Über Anja Thieme

Anja Thieme lebt in Ost-Westfalen/Lippe und arbeitet seit über 10 Jahren als freie Autorin und Journalistin. Mit der Arbeit für amusio.com verbindet sie ihre große Leidenschaft für Musik mit ihrem Beruf.

Eine Antwort auf Das Nightcore-Phänomen

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