Angekommen in der Realhistorie: Die Krönung der Poppea

Monteverdi-Premiere an der Erfurter Oper

Die Liebe des Ungerechten siegt über die Philosophie, ein Anlass, um mit der barocken Zentralmetapher über die Vergänglichkeit des Irdischen nachzudenken? Der aus unserer heutigen Sicht scheinbare Widerspruch löst sich nicht nur mit Monteverdis Abschied von der mythologischen Oper auf, sondern auch dank der gelungen Gesamtinszenierung der Premiere am 10. Oktober im Erfurter Theater: Die Regie von Bettina Lell und Samuel Bächli – als Dirigent des Abends - nimmt den (Ur-)Aufführungshintergrund der Oper 1643 in der Karnevalssaison ernst und lässt sich von intentionalen Widersprüchen in Busenellos Libretto nicht beirren: Die Handlung wird ständig von komischen Parabasen sowohl musikalisch als auch dramaturgisch begleitet.

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Königin Ottavia (Katja Bildt) mit Senecas Schülern (Pressestelle Theater Erfurt)

Königin Ottavia (Katja Bildt) mit Senecas Schülern (Pressestelle Theater Erfurt)

Grotesk zugespitzt wirkt das Szenario dort, wo Tragik und Karnevaleskes ineinander fließen, nämlich am Ende des zweiten bzw. am Anfang des dritten Aktes, als Nero sich Champagner trinkend über den befohlenen und tatsächlichen Mord an dem lästigen Philosophen Seneca freut und selbst Senecas Schüler – wiewohl sie ihren Meister abzuhalten versucht hatten – mit Luftschlagen behangen um die blutgetränkte Badewanne tanzen.

Zur Veralberung des Ernsten trägt natürlich auch der Geschlechterwechsel in den Rollen bei: Die Amme Arnalta, in ihrer Einsicht in menschliche Eigenschaften weiser als Seneca selbst, denn sie rät Poppea zur Vorsicht im Umgang mit den Mächtigen und Reichen, ist von einer Männerstimme besetzt und die Verwandlung insbesondere wegen der Frisur äußerst gelungen. Nero hingegen soll, von einem Frauenpart gespielt, zwar machtbesessen und skrupellos erscheinen, aber nicht als dämonische Gruselfigur.

Das verstreute handschriftliche Stimmenmaterial erlaubt heute wie zu jeder Zeit eine individuelle Inszenierung und ebenso musikalische Variabilität wie sie von Samuel Bächli am Premierenabend praktiziert wurde: Insbesondere Arnaltas Auftritte wurden mit Rhythm’n’Blues-Stücken und Boogies vom Orchesterleiter persönlich am Klavier begleitet, der wie ein Kapellmeister der barocken Schule von dort wie vom Cembalo aus die Einsätze gab und weiterdirigierte. Im letzten Soloauftritt Arnaltas ist die Ergänzung der Partitur von einem permannenten Fachwechsel zwischen romantischem Kunstlied, Bach-Kantate und Salon-Evergreen geprägt, was zum karnevalistischen Amusement nicht wenig beiträgt.

Das Orchester, vor allem die gut besetzte Basso-continuo-Gruppe einschließlich des Gambisten brillierte nicht zuletzt dank Bächlis Leitung an mancher Stelle mit dynamischen Akzentsetzungen und musizierte mit dem heutigen Bewusstsein um die historisch stimmige Aufführungspraxis, Cembalo und Laute vor allem mit nicht zu gewagten Auszierungen. Statt des Chalumeaus war nur der Einsatz der nicht zeitgenössischen Klarinette und Bassklarinette unter den sich ansonsten behutsam und mit großer Klarheit artikulierenden Bläserstimmen möglich.

Vokalstimmlich betrachtet wurde der Abend beonders von der sonoren Bassstimme Gregor Loebels als Seneca getragen, der Countertenor Benno Schachtners als Ottone glänzte durch seine warme, auch zu leidenschaftlichem Gesang fähige Stimme. Durchgehend sehr transparent und teilweise von schneidender Klarheit wirkten die Frauenstimmen, ein großes Plus auch die brillante Mimik von Mireille Lebel mit Elvistolle in der Rolle des despotischen Kaisers Nero.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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