Musikfestival

New Sounds of Iran – so neu nun auch wieder nicht

Eines der spannendsten Musik-Festivals dieses Jahres ist über eine Hamburger und zwei Kölner Bühnen gegangen. „New Sounds of Iran“ konnten ein leider nicht überaus zahlreiches Publikum durchweg begeistern, inspirieren, erfreuen. Und doch tut Manöverkritik Not, exemplarisch an den Performances von Mohammad Reza Mortazavi und dem Pedram Derakhshani Ensemble festgemacht, zu Köln, „am Rande“ des dort zeitgleich stattfindenden Marathons.

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Harsche Rhythmen handgemacht: Mortazavi (Nicole Schimanowski)

Harsche Rhythmen handgemacht: Mortazavi (Nicole Schimanowski)

Organisatorische Unüberlegtheiten dürften den Musikern annähernd egal sein, denn deren Darbietungen bleiben im besten Sinne wertvoll, die Anwesenden werden sich fortan daran erinnern. Wer stattdessen lieber den Marathonläufern zugeschaut hat, der hat in Rekordzeit etwas verpasst, laufen gehen wir doch heute alle wieder …

Gegen 11 Uhr in sonntäglicher Frühe – wer geht um diese Uhrzeit in die Philharmonie?! Eltern mit plärrenden Blagen, die dem Künstler, Mohammad Reza Mortazavi, und seinen kinderlosen Zuhörern in die Parade fahren. Eine derartige Respektlosigkeit (Kleinkinder in der Philharmonie) würden sich die Verantwortlichen (Eltern) bei einem Pianisten nicht trauen, denn der würde ja sofort die Bühne verlassen, so er sich in der Ausübung seiner Kunst gestört fühlte. Doch bei einem iranischen Trommler, da kann man ja mal gerne auf den Babysitter verzichten. Fehlt nur noch, dass der kleine Paul oder die kleine Lara mit auf die Bühne des iranischen Perkussionskünstlers kommen dürfen!

Wenn zukünftig (es sei denn, es handelt sich um explizit für Brut ausgeschriebene Veranstaltungen) die Kölner Philharmonie kein generelles „Kiddie-Eintrittsverbot“ ausschreibt, sollte sie fortan gemieden werden, zumindest tagsüber.

Saitengas vom Pedram Derakhshani Ensemble (Nicole Schimanowski)

Saitengas vom Pedram Derakhshani Ensemble (Nicole Schimanowski)

Mohammad Reza Mortazavi bot ein Set aus drei Stücken von jeweils ca. 20 Minuten, wobei er diese Darreichungsform auf drei sich klang-charakteristisch klar voneinander abgrenzenden Perkussionsinstrumenten iranischen (persischen) Ursprungs verteilte. Die dabei an den Mittag gelegte Fingerfertigkeit mochte beeindruckend sein. So beeindruckend, dass gegen Ende der Veranstaltung Muttis meinten, ihre Hüften kreisend bewegen zu müssen. Schön und gut, doch, abgesehen von dem ständigen (!) Geplärre als “Basso continuo“, erinnerte die von Mohammad Reza Mortazavi zelebrierte Kunst des Fingerschlags rhythmisch und konzeptionell am EBM und Noise Industrial. Eindeutige Anschläge, düster moduliert: „à; Grumh“ oder „Winterkälte“ ließen grüßen. Hätten diese aber anstelle eines iranischen Perkussionsgenies ihre Sequenzer angeworfen: keine Mutti hätte ihren süßen Hintern schwingen lassen, sich stattdessen empört abgewandt. Doch musikalisch gedeutet: das WAR EBM / Industrial pur, nur eben handgemacht. Ein tolles, aber vom Gros der Anwesenden offensichtlich komplett missverstandenes Konzert!

Alles im Klavierlack: Pedram und Mitstreiter (Nicole Schimanowski)

Alles im Klavierlack: Pedram und Mitstreiter (Nicole Schimanowski)

Stunden später fängst das Geplärre (Paul und /oder Lara) schon wieder an. Doch Pedram Derakhshani und seine fantastische Band übertönen unsere süßen Kleinen locker. Anfänglich sichtlich nervös und auf Korrektheit bedacht, entfaltet der Mix aus Santur – Weltklasse, der Chef persönlich, Lisa Gerrard (Dead Can Dance) wird ihre instrumentalen Fähigkeiten am Dulcimer zu überdenken haben – und auf persische Traditionals im Jazz-Gewand geschulte Mitstreiter eine Partystimmung, die in einem Club besser aufgehoben gewesen wäre, als in der Philharmonie. Der Sound erstaunlich matschig, der Lokalität unwürdig … und dann noch die vielen leeren Reihen.

Schmissig, tanzbar, locker und immer wieder mit unkalkulierbaren Twists aufwartend, zog das Pedram Derakhshani Ensemble sein Publikum in mitreißender Weise auf seine Seite. Aber – was hatte das mit neuer Musik aus dem Iran (oder von Persern in der Diaspora) zu tun?! An westlichen Standards orientiert, gegen Ende gar Disko, kam hier das Originäre zu kurz. So wie auch zuvor Mohammad Reza Mortazavi seine Rhythmik zu konventionell angelegt hatte.

Weltmeister des Santur: Pedram Derakhshani (Nicole Schimanowski)

Weltmeister des Santur: Pedram Derakhshani (Nicole Schimanowski)

Sich anzubiedern (niemandem sei etwas unterstellt) kann nicht Sinn einer Veranstaltung sein, die akustische Offenheit verspricht und Neues einfordert, diese Versprechen dann aber nicht erfüllt, weil die Muttis tanzen wollen. Die Konzerte im Kölner „Stadtgarten“ gingen da sicher schon einen kompromissloseren Weg. Musiker verdienen ein aufgeschlossenes Publikum, aber auch eines, das sich zur Nacht in Clubs herumtreibt – und nicht nur den Sonntagmittag gepflegt verbringen will, um unter der Woche mit seiner kulturellen Versiertheit prahlen zu können.

Unter den dann gegebenen Voraussetzungen (Clubs, Enge, Intensität) wären die Darbietungen in der Philharmonie die beste Visitenkarte für kommende Festivals iranischer Musik. Denn, wie jede andere Volksgemeinschaft oder Ethnie haben die Iraner Musik im Blut. Wir tränken es in aus nimmer leeren Krügen, wenn nicht gerade Paul oder Lina lieber ein Eis wollen und lautstark danach verlangen.

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