Ohne Masterplan

Shantel – Anarchy & Romance

„I don’t have the masterplan, you don’t have the masterplan, we don’t have the masterplan“, singt Stefan Hantel alias Shantel auf seinem neuen Album, das am vergangenen Freitag erschienen ist. Und nichts könnte die Essenz der Platte besser zusammenfassen: Anarchy & Romance ist ein durch und durch konzeptloses Album, das leider nicht an den Erfolg seiner Vorgänger anknüpfen kann.

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Bucovina war gestern: Shantel mit neuem Album Anarchy & Romance © Surfacegrafik / Essay Recordings

Bucovina war gestern: Shantel mit neuem Album Anarchy & Romance
© Surfacegrafik / Essay Recordings

Bisher hatte der in Frankfurt geborene DJ und Produzent immer ein recht sicheres Händchen bewiesen, wenn es um die Weiterentwicklung seiner musikalischen Arbeit ging. In den Neunzigern war er der vielleicht gefragteste deutsche Downbeat-Act, in den Nullerjahren revolutionierte er mit seiner Mischung aus traditioneller osteuropäischer Folklore und westlichen Dance-Rhythmen die Tanzmusik und begründete nebenbei ein neues Genre: Balkan-Pop. Damit hat Shantel einen Nerv der Zeit getroffen. Seine beiden Alben Disko Partizani und Planet Paprika waren europaweit in den Charts, er schrieb Filmmusik für Fatih Akin und spielte mit seinem Orchestar auf nahezu allen bedeutenden Festivals der Welt. Längst Kult sind seine Bucovina-Parties, bei denen der zappelige „Disco-Boy“ regelmäßig auch den letzten Klemmi zum Tanzen bringt.

Vielleicht ist all der Rummel und der Hype der letzten Jahre mit ein Grund dafür, dass die Platte so geworden ist, wie sie ist. Auf Anarchy & Romance, so scheint es, ist irgendwie die Luft raus. Von den insgesamt 14 Titeln bleibt auch nach mehrmaligem Hören kein Ohrwurm hängen. Und wenngleich die Songs wohl eher für die Disco als für den Heimbedarf gedacht sind: Tanzen kann man dazu leider auch nur mit viel Fantasie. Sein Markenzeichen, groovige Electro-Beats und Balkan-Versatzstücke, hat Shantel auf der Platte zurückgestellt zugunsten von … ja, von was eigentlich? Halbherzigen Rocknummern, 0815-Melodien und schnöden Texten. So gegensätzlich wie der Titel (Anarchy & Romance ist übrigens weder das eine noch das andere) sind auch die musikalischen Einflüsse: Hier begegnen sich dreckiger Garagen-Sound und klamaukige Schunkel-Nummern – eine Kombination, die nicht unbedingt fruchtbar ist.

Fragt man Shantel selbst, macht genau diese stilistische Grenzenlosigkeit den Reiz der Platte aus: „Mir geht es um ein generelles, kritisches Lebensgefühl, losgelöst von Genres oder Stilen. Es hat nichts mit Fashion, Hype oder Hipness zu tun, es ist völlig out, völlig unzeitgemäß, es ist ein bisschen Vintage und sentimental aber dennoch die musikalische Zukunft und einfach nicht zu fassen“, so der 45-Jährige, der sich auf Anarchy & Romance mehr als Musiker und Songwriter denn als Produzent fühlt.

Auch die wunderbaren Gastsänger_Innen wie Emma Greenfield von der Neo-Folk-Band „Dear Reader“ gehen in dem musikalischen Durcheinander irgendwie unter. Hitpotenzial – wegen angesagter Electroswing-Einflüsse – schlummert allenfalls in der Reinterpretation des finnischen Tango-Krachers Letkis, in der sich übrigens das einzig benutzte Sample der Platte versteckt. Ansonsten: Solide aber langweilig – oder, um noch einmal ein Stück der Platte zu zitieren: All the glamour is gone.

Anarchy & Romance ist auf Essay Recordings erschienen und seit dem 25. Oktober im Handel erhältlich.

Tourtermine:
13.11.13 Wuppertal – Börse
14.11.13 Aachen – Musikbunker
15.11.13 Ingolstadt – Eventhalle Westpark
16.11.13 (A) Wien – ORF (fm4 Studiosession)
19.11.13 Kassel – Musiktheater
26.11.13 Hamburg – Mojo
28.11.13 Berlin – Astra
29.11.13 Münster – Skaters Place
02.12.13 Leipzig – Werk 2
03.12.13 (CH) Basel – Hinterhof
04.12.13 (CH) Bern – Bierhuebeli
05.12.13 (CH) Winterthur – Salzhaus
07.12.13 München – Muffathalle
08.12.13 Konstanz – Kulturladen
09.12.13 Heidelberg – Halle 02
10.12.13 Frankfurt – Batschkapp
14.12.13 Stuttgart – Wagenhallen
15.12.13 (A) St. Poelten – Cinema Paradiso
17.12.13 (A) Linz – Posthof
18.12.13 (A) Graz – PPC
19.12.13 (A) Wien – WuK

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Über Sarah Zimmermann

Sarah ist freiberufliche Lektorin und Redakteurin. Sie lebt und arbeitet in Kassel. Schwerpunkte: Singer-Songwriter | Folk-Pop | Independent | (Brit) Pop | Electro

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