Vom Knallen und Knistern

Filmstarts: Drecksau vs. Finsterworld

Während „Drecksau“ Krawall ohne Ende macht, bedient sich „Finsterworld“ einer unterschwelligen Brisanz. Das spiegelt sich in sowohl in den literarischen Vorlagen als auch in der die nun anlaufenden Filme mitprägenden Scores wider. Sehenswert sind beide, doch die erste Spielfilmarbeit der Dokumentarfilmerin Frauke Finsterwalder ein wenig mehr als die Irvine Welsh-Adaption. „Es ist Zeit, versaut zu sein“, verkündet das Plakat zu „Drecksau“ – wahrlich keine neue Erkenntnis.

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Finsterworld (alamodo film)

Finsterworld (alamodo film)

„Finsterworld“ vertieft hingegen die Einsicht, dass der Versuch, nicht zur „Drecksau“ zu werden mehr Cat Stevens erfordert als Tom Jones. Reden wir also über Musik, Irvine Welsh und Christian Kracht.

Christian Kracht, der mit „Imperium“ einen der interessantesten (und auch gewagtesten) deutschsprachigen Prosatexte dieser Zeit geschaffen hat, schrieb gemeinsam mit seiner Frau Frauke Finsterwalde das Drehbuch zu „Finsterworld“ (das Buch zum Film erschienen bei Fischer). Der Filmemacherin Finsterwalde ist im Ergebnis eine Arbeit gelungen, die subtil agiert, um das Absurde in nachvollziehbare Normalität zu kleiden.

Dabei bedient sie sich der Musik Cat Stevens‘, alias Yusuf Islam. Die Versöhnlichkeit des Sounds bricht die Irritation, und führt die Bruchstücke, zumindest auf akustische Ebene wieder zusammen. Es handelt sich um das, was gemeinhin „genialer Schachzug“ genannt wird. Das völkerverbindende Pathos der Musik verzerrt den diegetischen Handlungsfaden, um ein labiles Equilibrium zu suggerieren. Wenn schon nicht „genial“, so zumindest „clever“.

Drecksau (Luna)

Drecksau (Luna)

„Drecksau“ hingegen … es verwundert, dass der Roman von Irvine Welsh erst kürzlich verfilmt wurde. Dabei birgt doch die Vorlage alles, was nach einer Verfilmung geradezu schreit. Schreiend und vollkommen überdreht ist nun auch der Film ausgefallen. Hier gibt es nichts, was subtil suggeriert, hier gibt es Volldampf auf die Fresse. Clint Mansell, Billy Ocean und der walisische Presslufthammer Tom Jones vervollkommnen mit ihren musikalischen Beiträgen einen Film, der, wie seine literarische Vorlage, Abgründe zeigt, ohne sie zu hinterfragen. Der Spaß steht im Vordergrund, Kollateralschäden sind kein Thema.

Irvine Welsh ist ein Autor, der bislang an seinen Themen gescheitert ist. Christian Kracht hingegen nicht. Während der Deutschschweizer stets eine Form der stringenten Verschiebung findet, um seine Belange mitzuteilen, ist Welsh ein Drauflosschreiber. „Trainspotting“, „Drecksau“ – unterhaltsam, aber lebensfern aufgrund zu großer Anbiederung ans profane Dasein. Von „Porno“ nicht ganz zu schweigen, das ist eine Schwarte, die spekulativ mit Klischees spielt, anstatt sich dem Kern seines Themas zu nähern.

Hier nun die Empfehlung: Lieber in „Finsterworld“ gehen; Cat Stevens und Tom Jones kann man ja noch immer abwechselnd knallend und knisternd in Rotation hören.

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