Palehorse im Blue Shell

Powerviolence from London

Tonnenschwer, fies und fulminant: Palehorse ließen den heiligen Boden der Kölner Club-Institution „Blue Shell” auf eine dem anwesenden Fachpublikum höchst angenehme Manier erbeben. Zwar sprach sich im Interview mit amusio die vermutlich einzige Band des Post-Hardcore-Sektors ohne Gitarristen (dafür mit zwei Bässen) frei von „künstlerischen“ Ambitionen, ihre Show machte jedoch deutlich, dass sie es mit dem Claim „Powerviolence from London“ bitterernst meinen: „Harm starts here“, so auch der Titel ihres neuen Albums (Candlelight), das die fünf abseits der Bühne überaus sympathischen Briten präsentierten.

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Krach mit Niveau: Palehorse (Stephan Wolf)

Krach mit Niveau: Palehorse (Stephan Wolf)

Sabrina Hörske und Dominik Deussen sind nervös. Es ist die erste Veranstaltung, die von den beiden betreut wird – und Palehorse stecken im Stau. Was umso schwerer wiegt, da sie das Drumkit des Abends dabeihaben, auf das auch die Vorbands, Crying Cockroach aus Brühl und die Kölner History Of Sky angewiesen sind. Doch als endlich der Ford Transit mit britischem Kennzeichen gesichtet wird, weicht die Nervosität der Zuversicht, den Fans des Post-Hardcore/Noise/Sludge-Lagers einen formidablen Abend bieten zu können.

Den Auftakt machen Crying Cockroach mit einem, für die noch sehr junge Band, bemerkenswert lockeren und schmissigen Set, wobei die Leistung des Sängers – vom Sunnyboy zum wilden Tier in Millisekunden – besonders hervorzuheben ist. Musikalisch ungleich anspruchsvoller setzen History Of Sky den bunten Abend fort. Mal melodisch, mal vertrackt, dann wieder wild umher wütend, bleibt die Angelegenheit durchweg spannend.

Als schließlich Palehorse die Bühne betreten ist schlagartig Schluss mit lustig. Es dröhnt, fiept und brodelt bedrohlich, bis sich die Spannung nach einem prächtigen Break in pure Energie entlädt, die der stets auf Tuchfühlung mit seinem Publikum bedachte Schreihals Nikolai eindrucksvoll zu pushen weiß. In Sachen Spannungsaufbau machen Palehorse keine Gefangenen, wobei von Ruhe zwischen den einzelnen Hurrikans nicht die Rede sein kann. In den besten Momenten gemahnen Palehorse sogar an die Weltmeister des Brachialen, den Swans! Die beiden Bässe erfüllen den Club so gut es dieser zulässt, das hartgesottene Publikum hätte es mit Handkuss gerne noch lauter und druckvoller besorgt bekommen.

Nikolai und Ben von Palehorse (Stephan Wolf)

Nikolai und Ben von Palehorse (Stephan Wolf)

Im Gespräch mit amusio erläutert Sänger Nikolai, dass die Idee, auf einen Gitarristen zu verzichten und lieber zwei Bässe zu beschäftigen, nur bedingt als Abneigung gegenüber den oft selbstverliebten Klampfern zu verstehen ist: „Es hat sich auf der Suche nach dem für uns besten Sound einfach so ergeben, aber ich verspüre auch nicht die geringste Sehnsucht nach sechs Saiten.“
Die Antwort auf die Frage nach dem wichtigsten Einfluss auf sein musikalisches Schaffen gibt sein Shirt: die US-Noise and Roll-Götter Unsane (der Abgesandte von amusio trägt an diesem Abend auch ein Shirt dieser Band, so entstehen Freundschaften).

Auf die Bemerkung, London sei als Heimatort für lärmige Bands eher ungewöhnlich, gesteht Nikolai, dass alle Bandmitglieder aus dem englischen Norden stammen, was dann das Bild wieder zurechtrückt. Dann wird noch eine Weile gefachsimpelt und geflachst, wie das in den Kreisen „harter“ und noch „härterer“ Musik so üblich ist. Allen Freunden von Post-Hardcore/Noise/Sludge, die den regnerischen Abend lieber daheim verbracht haben, anstatt sich auf den Weg ins „Shell“ zu machen, sei mitgeteilt: Ihr habt echt was verpasst, Leute.

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