Herr B. sieht fern

Scripted Reality (Teil 2) – Das Casting

Die Leute sahen alle erschreckend normal aus. Superstar Ambitionen schien keiner zu haben, von ein paar ganz Verstrahlten vielleicht mal abgesehen. Das Casting fand in einem Düsseldorfer Hotel statt. Zehn Tage zuvor hatte ich eine Onlinebewerbung ausgefüllt und da war ich nun.

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Herr B. sieht fern (der MiniMe), Foto: Mick Baltes

Herr B. sieht fern (der MiniMe), Foto: Mick Baltes

Ich hatte mich angemeldet, saß  im Wartebereich und sah mir das dreiseitige Handout an. Neben ein paar allgemeinen Erläuterungen enthielt es eine Szene, auf die ich mich vorbereiten sollte. Zusätzlich gab es ein Blatt mit der Hintergrundstory zu meinem Charakter. Die Szene hatte ein paar logische Löcher und eine ganz und gar unglaubwürdige Wendung. Aber darum ging es ja nicht. Es sollten einfach ein paar unterschiedliche Emotionen durchgespielt werden.

Nun galt es also, die Casting Hürde zu nehmen. Aber war das wirklich eine Hürde? Nachdem  ich mich zur Vorbereitung  durch ein paar Scripted Reality Formate gezappt hatte, war ich mir sicher –  die nehmen wahrscheinlich Jeden. Das minderte die Spannung schon ein wenig, denn ein Spiel, bei dem man nicht auch verlieren kann, ist doch irgendwie langweilig. Höchstwahrscheinlich würde erst mal jeder Bewerber in die Datenbank aufgenommen, ob man dann aber auch für einen Auftritt gebucht würde, stand auf einem ganz anderen Blatt.

Dann wurde ich aufgerufen und mit ein paar anderen Bewerbern in einen kleinen Raum geführt, in dem zwei Mädels der Produktionsfirma und eine kleine Videokamera auf uns warteten. Neben mir bestand die Gruppe aus zwei Küken aus der niederrheinischen Provinz, einer zu stark geschminkten Dame in den 50ern, einer Oma, die ihre kleine Enkelin im Schlepptau hatte, weil der Babysitter abgesagt hatte und ein Schluffi mit Strickmütze und einer Schlabberjeans, die ihm bis in die Kniekehlen hing.

Der Ablauf war dann wie folgt: Zunächst wurden wir aufgefordert, unsere Namen groß auf ein DIN A4  Blatt zu schreiben. Damit stellte man sich dann vor die Kamera, sagte zwei Sätze zu seiner Person, ließ dann das Blatt fallen und schon ging es in die Szene. Die Ansprache erfolgte aus dem Off durch eines der Produktionsmädels. Nach einem kurzen Intro ging es zunächst darum, die Improvisationsfähigkeit zu testen. Wie redet man sich aus einer Situation heraus und wie reagiert man auf etwas, worauf man nicht vorbereitet ist. Der zweite Teil sollte sich dann langsam steigern und am Ende sollte man so richtig wütend werden. In einem davon abgekoppelten Teil sollte man dann traurig sein.

Die Niederrhein Küken machten den Anfang. Sie spielten recht verhalten und es war ihnen anzusehen, dass sie sich nicht so recht trauten. Die Dame mit dem stark bemalten Gesicht machte viele Sprechpausen, ließ nach jedem Satz ihre Jacketkronen aufblitzen und lächelte breit und eingefroren in die Runde, wobei ich unwillkürlich an den Kühlergrill eines 1953er Cadillac Eldorado denken musste. Schluffi Schlabberjeans gab eine schlaffe Vorstellung. Einer schlafen Improvisation folgten schlaffe Wut und schlaffe Traurigkeit. Die Oma war von allen dann noch am glaubwürdigsten.

Natürlich kam auch ich irgendwann an die Reihe und schlug mich ganz gut. Vor allem in der Wut-Situation gab ich eine brillante Vorstellung in Method Acting. Ich steigerte mich mächtig rein und schrie das ganze Hotel zusammen Fast wäre der Sicherheitsdienst alarmiert worden. Den Küken klappten die Kinnladen runter. Schlaffi Schlabberjeans lugte unter seiner Strickmütze hervor, und für einen kurzen Moment konnte man sogar seine Augen sehen. Der Eldorado vergaß fast drei Sekunden lang zu lächeln.

Ich verließ als Letzter den Raum und das Produktionsmädel, verabschiedete mich mit den Worten „Man sieht sich dann!“ und blinzelte mir zu.

Zwei Tage später klingelte das Telefon…

Fortsetzung folgt…

 

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Über Mick Baltes

Jahrgang 1962, studierte Politikwissenschaft und Kunst in Duisburg. Hat Spaß an Blues, Rock und gutem Songwriting. Ist Cineast und TV-Junkie. Arbeitet als Redakteur und Webdesigner.

Eine Antwort auf Scripted Reality (Teil 2) – Das Casting

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