Anjas Abwasch

Das große Coming-out – Ich bin ein Fernseh-Sub!

Ehrlich, ich fass es nicht! Beinahe zehn Jahre habe ich mich von der deutschen Fernseh”kultur” ferngehalten. Heute weiß ich: Es war nur Verleugnung meiner wahren  intellektuellen Identität. Eigentlich (!) bin ich für Harzt IV-TV nicht so wirklich die richtige Zielgruppe, auch wenn das Lohnniveau mit dem eines Freiberuflers übereinstimmt. Statt mich zu outen, wollte ich mich anfänglich auf meinen Beruf rausreden und dass ich nur recherchiere, wenn ich mich durch unsere unzähligen Kanäle zappe, aber – Fremdschämen ist einfach der Unterhaltungs-Orgasmus. Ich wusste ja gar nicht was mir entgeht!

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Schüsselwald in Neukölln Quelle:Wikipedia - free to common use -Georg Slicker

Schüsselwald in Neukölln
Quelle:Wikipedia – free to common use -Georg Slicker

“Lost in consternation”!
Boah – ist das furchtbar! Weniger schäme ich mich für die schielenede Übergewichtige und ihre sirenenhaften Hysterien bei fremderleuts Kaffeeklecksen, die seltsamerweise immer beim frauenversteherischen Tauschpapa landet, als ganz solidarisch für die kreativen Köpfe, Drehbuchautoren und Produktionsfirmen.

Ehrlich – Wie habe ich meine  masochistischen Neigungen nur ohne diesen farblosen, dummdreisten Selbstdarstellungsgnom Oliver Pocher ausgehalten, ob er nun mit Promi-Big Brother oder Becker baden geht? Wie ging es mir ohne Y-Promis, Berliner Wohngemeinschafts-Wahnsinn und halbkriminelle Familiendramen? Ohne die Leute, die um Eigentumswohnungen, eingebildete Krankheiten (Isch hatte ja da den Börnaut oder wie dat heisst) oder Einschaltquoten rangeln?
Wie ohne die deutschen Puffretter oder Lieschen Müllers Ausflüge an die Table-Dance Stange? (Wieso habe ich jetzt “Fame – we’re gonna f… forever” im Ohr?)

Jetzt beisse ich also nervennahrungssuchend in meine Triple-Choc Cookies, gucks irgendwie trotzdem und freue mich inwischen sogar über den EINEN pointierten Satz in GZSZ. Überhaupt Abkürzungen – ich frage mich ernsthaft, ob man inzwischen die Titel absichtlich so lang macht, damit man sie abkürzen kann. Vielleicht hätte ich in Anjas Abwasch noch drei Konsonaten basteln sollen, um auf eine klangvolle Kurzform zu kommen.
Schade, dass es keine ganzen Worte ergibt: Sowas wie Das Unglaublich Marode Pocher-Flachgesülze.

rot, Rot, ROT!
Ich konnte mich also bisher nur bei über 200 Kanälen entweder bei SKY zwischen Fußball und Film oder bei Arte tummeln oder … ich musste Lust an dieser Qual bekommen! Doch jetzt muss es einfach raus: Ich bin ein Fernseh-Sub! Mein Dom heißt RTL und mein Darkroom findet sich auf Pro 7. Und ja: Ich lasse jeden Tag meine Intelligenz gangbang-artig! auspeitschen! Vor allem Joko und Klaas beim Verwursten ihres geistvollen Humors zu kommerziellen Zwecken zuzusehen, bringt mich an meine Grenzen. Inklusive Nummern-Oma! Ich brauche ein Stop-Wort!

Macht aber nichts. Wenn die CDU schon mit Antifa-Mucke ihre Wahlverluste feiert, weil die Leute sauer waren, dass es Angelas Schlandkettchen nicht bei QVC gibt, kann eine deutsche Autorin auch ruhig devotes Fernsehgucken zugeben. Also: Entschuldigt mich. Ich bin mit meiner Arbeit fertig und geh dann mal auf Facebook. Mir ist heute eher zärtlich zu Mute!

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Über Anja Thieme

Anja Thieme lebt in Ost-Westfalen/Lippe und arbeitet seit über 10 Jahren als freie Autorin und Journalistin. Mit der Arbeit für amusio.com verbindet sie ihre große Leidenschaft für Musik mit ihrem Beruf.

Eine Antwort auf Das große Coming-out – Ich bin ein Fernseh-Sub!

  1. Cool geschrieben. I Like!

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