Elektronischer Drogentrip der frühen Neunziger

The Shamen – “Boss Drum”

Lange bevor die Love Parade Techno zum Massenkulturgut erklärte und sich der Eurodance aus dem unendlichen Repertoire dieses Genres bediente, regierte innerhalb der elektronischen Musik noch die Innovation. Bands wie Underworld, The KLF, LFO und The Prodigy waren die künstlerischen Keimzellen einer jungen Technobewegung, deren Anhänger sich mehr über die vielfältige Clubkultur in Frankfurt und Berlin definierte als über die kruden Welterrettungsphantasien eines Dr. Motte. Neben den bereits genannten Gruppen hatte auch eine schottische Combo den Ausverkauf der elektronischen Musik im Verlauf der 90er Jahre nicht überlebt: The Shamen.

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The Shamen / Bild: Sean Clark, Quelle: nemeton.com

The Shamen / Bild: Sean Clark, Quelle: nemeton.com

Zunächst, Mitte der 80er Jahre, arbeitete das Trio um Sänger Colin Angus stärker mit gitarrenlastigeren Elementen. Psychedelic Rock passte – obgleich seit dessen populärster Phase in den 60er Jahren als Begriff weitestgehend aus der Musikkultur verschwunden – wohl noch am ehesten auf jenen Stilmix, den die Schotten ehrgeizig pflegten. Über wegweisende Songs mit ausgewählten Sampling-Einlagen wie „Jesus Loves America“, „Transcendental“ und „Pro-Gen“ landeten sie schließlich bei straighteren Beats und durchweg clubtauglichem Material. Dabei führte ihr Weg zu ihrem kommerziell erfolgreichsten, wenngleich sicher nicht wichtigsten Werk „Boss Drum“ 1992 vor allem über die intensive Auseinandersetzung mit psychedelischen Drogenerfahrungen.

Ein Album wie ein Drogentrip

Wo The Prodigy in ihren Musikvideos fast ironisch mit dem Thema kokettierten, ließen The Shamen – zum Zeitpunkt der Albumveröffentlichung inzwischen zum Duo geschrumpft und seit nunmehr sieben Jahren im Geschäft – keinen Zweifel an ihren Konsumvorlieben. In ihrem größten Hit „Ebeneezer Goode“ wird unter anderem mit dem Titel sowie der passenden Zeile „E´s are good“ die damalige Trenddroge Ecstacy gefeiert, „L.S.I. (Love Sex Intelligence)“ lässt angesichts der wenig subtilen Abänderung des Titels genügend Raum für Mutmaßungen und der über 8 Minuten lange Monolog von Terence McKenna auf dem letzten Track „Re:Evolution“ wirkt wie ein einziger akustischer Joint. Dazu trugen die bild- wie schnittgewaltigen Musikvideos, in denen Angus und „Mr. C“ wie Vampire durch die Fabrikhallen-Diskos fegen, zum sonderlichen Image der Technoformation bei.

Nicht unbedingt wegen der Drogenthematik, sondern vorwiegend aufgrund der flirrenden Synthistakkato, der kompromisslosen Beats und der hämmernden Rapeinlagen ist das Album „Boss Drum“ ein grandioses – eine Platte, die man problemlos dem späteren Kultdrogenfilm „Trainspotting“ hätte als Soundtrack unterlegen können. Aber zu diesem Zeitpunkt regierten im Techno schon längst die Westbams, Paul van Dyks und Mayday-Parties, und wie der beste Drogentrip hat auch eine ungewöhnliche Karriere wie die von The Shamen irgendwann ihr Ende gefunden. 1999 löste sich das Duo auf – „Boss Drum“ jedoch bleibt als Erinnerung an die glorreichen Zeiten der elektronischen Musik und ihren Ausschweifungen bis heute erhalten…

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