Sensationell spannend

Matthias Brandt gestern Abend zu Gast in Kassel

Dass der Schauspieler Matthias Brandt für ganz großes Kino steht, zeigte sich einmal mehr gestern Abend – wenn auch nicht im filmischen Kontext. Gemeinsam mit dem Musiker Jens Thomas trat Brandt im ausverkauften Schauspielhaus auf und überzeugte mit seiner szenischen Lesung des Kult-Klassikers Psycho.

 

 

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Langer Beifall für Jens Thomas und Matthias Brandt © Zimmermann

Langer Beifall für Jens Thomas und Matthias Brandt
© Zimmermann

Ein Lese-Pult, ein Flügel und zwei virtuose Akteure: Mehr brauchte es nicht, um das Schreckensszenario um den psychopathischen Mörder Norman Bates heraufzubeschwören. So minimal die Ausstattung, so groß die Wirkung beim Publikum. Mit einem plötzlichen Aufschrei Brandts alias Bates beginnt die Lesung und die Besucher bekommen einen Vorgeschmack auf die kommenden Minuten, in denen die Spannung sinnbildlich mit den Händen zu greifen ist. Und obgleich Brandt sich nicht auf den Film von Suspense-Meister Alfred Hitchcock bezieht: Bei der berühmten Dusch-Szene scheinen doch viele die Bilder aus dem Kult-Streifen von 1960 vor Augen zu haben und krallen sich angespannt an ihren Sitzen fest.

Bewusst greift Brandt auf die literarische Vorlage von Robert Bloch zurück, in der es mehr um die innerpsychologischen Prozesse der Hauptfigur als um die äußere Handlung geht. In intensiven anderthalb Stunden vollzieht sich seine Metamorphose vom harmlosen Muttersöhnchen zum gequälten Irren.
Dabei zeigt sich das große schauspielerische Können des 52-Jährigen: Gekonnt schlüpft er in gleich vier Rollen und changiert zwischen dem auktorialen Erzähler, der naiven Motel-Besucherin Mary, der herrischen Mutter und Norman Bates selbst. Im schwarzen Anzug und vor pechschwarzer Kulisse steigt er mehr und mehr hinab in die dunklen seelischen Abgründe der Figuren. Etwas Wahnsinniges haftet dem Schauspieler dabei schon an: Etwa wenn er als Mutter Bates mit seinen hellen Augen in die Publikumsreihen blickt und mit kehligem Lachen nach „meinem Kleinen“ ruft. Oder wenn er sich mit hochrotem Kopf und zerrauften Haaren über all die „Schlampen“ auslässt. Bemerkenswert, wie Matthias Brandt den Text in großen Teilen frei vorträgt.

Grandios auch Jens Thomas, der die Worte seines Bühnen-Partners ins Musikalische übersetzt. Sanft streichelt er die Tasten des Pianos, um im nächsten Moment wie ein Berserker dessen Saiten zu malträtieren. Mal singt er mit glockenklarer Stimme, um kurz darauf in ein ekliges, bis ins Unerträgliche Gurgeln zu verfallen. Und wenn er bei der Mordszene in den Resonanzkörper spuckt und brüllt, kann dieser nur mit einem hässlichen Echo antworten.

Gegen Ende vereinen sich die Stimmen der beiden Akteure in einem kanonartigen Duett, das auf der einen Seite das Ausmaß der Mordnacht zusammenfasst und auf der anderen Seite von der gruseligen Fiktion wieder langsam in die Realität überleitet:
„how connected we are/right now/so far“.

Nach 90 Minuten und einer sehr speziellen Version von AC/DCs Highway to Hell ist Bates am Ende und Brandt ist wieder Brandt.

Stehende Ovationen.

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Über Sarah Zimmermann

Sarah ist freiberufliche Lektorin und Redakteurin. Sie lebt und arbeitet in Kassel. Schwerpunkte: Singer-Songwriter | Folk-Pop | Independent | (Brit) Pop | Electro

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