Vergessene Welt

Simon Rattle erweckt Gurre-Lieder zum Leben

Gewaltiges hat man sich in Berlin vorgenommen; die Philharmonie – man ist versucht zu sagen – wo, wenn nicht hier, beherbergte gestern das, was Julia Roberts als “Pretty Woman” wahrscheinlich “eine verdammt große Band” genannt hätte. Arnold Schönbergs Gurreliedern kommt in mehr als einer Hinsicht große Bedeutung zu. Sie erfordern von sechs Solisten, einem perfekten Orchester und diversen Chören ein Höchstmaß an Perfektion. Denn sie bilden  einen  Meilenstein in der Musikgeschichte. Denn nachdem Arnold Schönberg da noch einmal gezeigt hat, was ein klassisches Orchester an Facettenreichtum, schwelgerischen Klängen und präziser Dramaturgie vermag, hört er auf,  tonal zu komponieren.

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Sir Simon Rattle (© Stephan Rabold)

Sir Simon Rattle (© Stephan Rabold)

Mit den Gurreliedern jedoch setzte er auch all jene ins Unrecht, die – zum Teil bis heute – behaupten, derlei schräge Töne könne doch jeder. Denn in den Gurreliedern zeigt Schönberg in seiner musikalischen Biographie zum letzten Mal, was hochemotionale Musik vermag. Und dafür sind, ist man  geneigt zu sagen, natürlich  die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle eine der ersten Adressen der Welt. An seiner Seite kämpften die Solisten gegen diese Flut von Tönen an: Stimmlich herausragend Karen Cargill als Waldtaube und Stephan Gould als Waldemar, etwas zurückgenommen Soile Isokoski als Tove, genießerisch seinen Part zelebrierend Burkhard Ulrich und bemüht Lester Lynch. Der unvermeidliche Thomas Quasthoff gab den Sprecher mit nur einem Versprecher. An ihrer Seite kämpften geschlagene vier Chöre erfolgreich um Gehör. Scherz beiseite: Unter der Leitung von Nicolas Fink waren sie neben einem blendenden Orchester die zentrale Größe des Abends.

Simon Rattle und  die Berliner Philharmoniker (© Monika Rittershaus)

Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker (© Monika Rittershaus)

Und Simon Rattle schaffte es über zwei Stunden lang, die ganze Bandbreite von mehreren Jahrhunderten abendländischer Musikgeschichte hörbar zu machen. Nur ein Beispiel: wie er den Ritt Waldemars zu seiner Geliebten im Tempo nimmt, lässt einen schon vorweg ahnen, wie die wilde Jagd klingen wird, in der der untote König verzweifelt seine ermordete Geliebte sucht. Eine analytisch durchdachte, sinnliche, atemberaubende Interpretation, die zum Nachdenken anregt. Denn mit der Abwendung Schönbergs vom klassischen Komponieren ging viel mehr einher: der Aufbruch der Moderne. Gleichzeitig wurde Anfang des 20.Jahrhunderts  die Trennung von sogenannter U- und E-Musik besiegelt, eine Diversifikation, die sich bis heute immer weiter fortsetzt. Dann der Rückfall in die Barbarei während der NS Zeit, die Schönberg wie viele Tausende aus seiner österreichischen Heimat vertrieb, in der ihn auch später keiner zur Rückkehr aufforderte.  Aber es gab Momente an diesem Abend der Sonderklasse, wo man sich für Sekunden vorstellen durfte, alles Schreckliche, das danach kam, wäre nicht geschehen.

 

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