Annthrax

Nach England – der Liebe wegen?

„Warum bist du eigentlich sowas wie Journalist geworden?“, lautet immer wieder die verräterische Frage beim Kaffeekränzchen, die meist mit einem mitleidigen Blick auf meine abgetragenen Schuhe ausgesprochen wird. „Und dann auch noch Musikjournalist! Hättste nicht mir der Merkel rummachen können?“
Ja, also ähm nein. Bevor ich mit Merkel rummache, lass ich mich lieber bei der Stadt anstellen, um im Herbst heruntergefallene Blätter wieder an den Baum zu tackern, aber danke der Nachfrage.

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Es leidet die Konzerttoilette (Foto: A.Swallow)

Es leidet die Konzerttoilette (Foto: A.Swallow)

Der Hauptgrund, weshalb ich sechs Jahre lang Kulturwissenschaften studiert habe, ist ein viel simplerer: Es verleiht einem die Möglichkeit, a) seinen Namen zu tanzen, b) so zu tun als sei man Künstler und c) bis zu einer halben Stunde lang Rockstars vollquatschen zu dürfen, ohne danach gleich eine Anklage wegen Stalkings an der Backe zu haben.

Nein wirklich, wenn es etwas gibt, das sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht, dann ist es die Tatsache, dass nichts und zwar wirklich rein gar nichts über Musik geht (und dass ich so kleine Füße habe, dass mir keine Erwachsenenschuhe passen, aber lassen wir das). Das äußert sich trotz mittlerweile längerer Erfahrung und Professionalität immer noch im hysterischen Kreischen und dreistündigem Im-Kreis-Rennen, wenn eine meiner Lieblingsbands ein Konzert im Umkreis von 1000 Kilometern ankündigt. Dann müssen innerhalb 12 Stunden Flugtickets, Hotels und Konzertkarten bestellt sein, andernfalls würde sich dies in verzweifelter Schlaflosigkeit und Amok-Gedanken äußern. Jetzt mal abgesehen davon, dass ich ohne zu zögern Urlaub, Beerdigungen oder die Geburt meines ersten Kindes absagen würde, wenn meine Lieblingsband plötzlich in London spielt.

Denn was gibt es Schöneres, als morgens um zehn im strömenden Regen vor einer Konzerthalle zu sitzen und auf den Einlass (in 11 Stunden) zu warten? Richtig: Nüschts.
Versteht irgendwie keiner. Ist mir aber auch ganz recht, sonst wäre die erste Reihe ja voll, bevor ich mich morgens aus meinem Bett gequält habe. Nein, in Sachen Konzertbesuche ließ ich mir noch nie dazwischenreden, bei einer Show hat man früh vor der Halle zu erscheinen, egal wie das Wetter aussieht und es ist vollkommen inakzeptabel vorher noch solch ungehobelte Dinge wie Sightseeing, Essengehen oder Atmen in den Tagesplan einzuarbeiten.

Um es kurz zu machen: Ich war innerhalb der letzten drei Jahre in Frankreich, England, Belgien, Holland, Finnland und deutschen Käffern, die nicht einmal mein Navigationssystem kannte, aber nein, ich habe nicht die wunderschöne Optik von Amsterdam genossen, sondern lediglich ein paar Fahrräder umgefahren, mein Auto fast in den Kanal gesetzt und mir überlegt, wie ich jetzt mit meiner Karre wieder von den Bahnschienen runterkomme. Ich stieg in Hotelzimmern ohne Fenster ab, suchte dreieinhalb Stunden nachts in Stuttgart mein Auto, traumatisierte bekiffte Roadies in Fahrstühlen und schlug mich dank Air France eine Woche lang ohne Gepäck durch Finnland. Wegen Bands. Und ich bereue keinen einzigen Trip, auch wenn ich das in dem Moment, wo ich nachts um 3 bei Minusgraden in Antwerpen stand, vermutlich anders sah.

Kaum jemand kann es nachvollziehen, warum ich erst einmal meine Koffer packe, wenn Joey Jordison eine Tour ankündigt, aber als ein Kumpel mir mal sagte, dass er vor jeder Slipknot-Tour seinen Job kündigt, dachte ich mir nur „Jo. Warum auch nicht?“. Dass man sich damit regelmäßig zum Vollidioten macht, ist klar, auch dass die neunte Show einer Band oftmals nicht groß unterschiedlich ist zu ihrer zehnten, aber wenigstens hat man das getan, was man tun wollte.
Und deswegen bin ich auch Musikjournalist. You can’t buy happiness, but you can buy concert tickets and that’s kind of the same thing. Auch wenn daraufhin meist die Aussage kommt:
„Du, also mit diesen abgetragenen Schuhen… da würd’ ich nich’ nach England!“

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Über Anne-Catherine Swallow

Geboren 1987 in Heidelberg, aufgewachsen in Paris, Diplom Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus aus Hildesheim. Zu haben für alles, was laut, düster und böse ist.

3 Antworten auf Nach England – der Liebe wegen?

  1. Pingback: Britische Eltern wählen vermehrt Kindervornamen aus “Breaking Bad” – amusio.com

  2. Pingback: 31 Euro ohne Sushi, oder: Warum ich britische Ticketbörsen hasse. – amusio.com

  3. Mick Baltes sagt:

    Ganz großes Kino, Anne!

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