Electro-Klänge eines Hypersensiblen

Klangstabil: “Shadowboy”

Es muss furchtbar sein, Eindrücke aus seiner Umwelt nicht mehr filtern zu können. Genau mit diesem Problem kämpft Klangstabil-Mastermind Boris May seit rund vier Jahren. Er leidet an Hypersensibilität, nimmt also alle Sinnesreize gleich stark wahr, was zwangsläufig zu Panikattacken und sozialer Isolation führt. Genau davon handelt “Shadowboy”, der langersehnte Nachfolger des 2008er “Math & Emotion”.

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Im inneren Exil: "Shadowboy" von Klangstabil (Quelle: Ant-Zen)

Im inneren Exil: “Shadowboy” von Klangstabil (Quelle: Ant-Zen)

Seit jeher betrachtet Boris die Zusammenarbeit mit seinem Kompagnon Maurizio Blanco auch als ein musikalisches Tagebuch. Die Musik von Klangstabil ist gleichzeitig das Seelenbild des Chefdenkers. Der gebürtige Reutlinger kämpft mittlerweile mit vielen Problemen, die er auch im “Shadowboy”-Booklet niedergeschrieben hat.

Boris bekam Angstzustände, als er einfach nur über die Straße auf die andere Seite laufen wollte. Die Menschenmassen, die sich auf dem Bürgersteig bewegten, schienen für ihn unüberwindlich.

Im Laufe der Zeit wurde dem Musiker immer deutlicher, dass er sein altes Leben nicht mehr führen konnte. Die Stadt mit seinen tausend Gerüchen, Geräuschen und Bildern wurde ihm zuviel. Also sucht er Ausgleich in der Natur außerhalb der Stadt. Hier entstand die Idee zu “Shadowboy”.

Es ist ein klassisches Konzeptalbum, das sich um diesen “Shadowboy” rankt. Er ist Boris’ Alter Ego, ein Wesen, das abgeschieden lebt und soziale Kontakte meidet, wenngleich er kein Misanthrop ist. Seine Veranlagung erlaubt es ihm einfach nicht.

Klangstabil, seit jeher für experimentelle elektronische Musik bekannt, wirken aggressiver. Die Songs sind Hilferufe, ein Nichtwahrhabenwollen der Situation. Erstmals nutzen Klangstabil dafür auch die Kunst des Sprechgesangs wie bei “Arbeitstitel”. Deutlich der Wunsch nach einem Ausbruch aus dem GEfängnis mit unsichtbaren Stäben.

“Shadowboy” ist ein Album, das den Hörer dazu fordert, genau hinzuhören. Die Stimmungen allein durch die Musik (allen voran das erhabene, bombastische “Schattentanz”) bewirken schon viel. Doch erst die Texte geben Aufschluss über die Welt des Boris May.

Bei aller Tragik hat das Album auch ein persönliches Happy End. Während der Dreharbeiten zum Video des Titeltracks hat Boris Freunde und Bekannte eingeladen, um sie abzufilmen. Dabei traf er auf seine jetzige Frau, seinem “Shadowgirl”, wie er sie nennt. In Zeiten tiefster Dunkelheit ist eben doch irgendwo ein Licht.

VÖ: 31.10.2013 (MHz/Ant-Zen)

Hier das Video zu “Shadowboy”

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Über Daniel Dreßler

Freier Musikjournalist und Radiomoderator aus München. Befürworter der alternativen im Allgemeinen und der elektronischen Klangkunst im Besonderen. Der Strom macht die Musik!

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