Kathrins kontemporäre Kultur-Kolumne

Man kann nicht immer 17 sein

Ich besitze zwei CDs von Avril Lavigne, die erste, „Let Go“, von 2002 und die brandneue „Avril Lavigne“, die heute – elf Jahre später – erscheint. Zwischen beiden Platten ist ein Unterschied. Obwohl ich vermute, dass es normal ist, dass sich ein Mensch – und Musiker gehören ja auch dazu – zwischen seinem 18. und 29. Lebensjahr verändert, wird die Veränderung eines Musikers nicht selten verteufelt.

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Irgendwann muss man erwachsen werden / Grafik: Kathrin Tschorn

Irgendwann muss man erwachsen werden / Grafik: Kathrin Tschorn

Musik, die echte, die wahre Musik spiegelt auch immer ihren Schöpfer wider, seine Gedanken und Gefühle. Und seien wir mal ehrlich: Wer möchte immer in der Gefühlswelt seines 16-jährigen Ichs verharren? Es ist notwendig, dass wir erwachsen werden dürfen – zumindest bis zu einem gewissen Grad. Was passiert, wenn man Veränderung verbietet, sieht man an Retortenmusik, also den nach angeblichen Schmachtbedürfnissen Heranwachsender zusammengestellten Boy- und Girlgroups, den Kinder- und Teeniestars.

Ein Küken, ein Opa, ein Cutie, ein Denker und ein Wilder

Diese Personen sollen nach Schema F funktionieren, einem geheimen Erfolgsrezept der Plattenindustrie, das so geheim nicht mehr ist: junge, niedliche Menschen, die halbwegs singen können; im Falle von Gruppen: ein Küken, ein reifer Band-Opa (so um die 17), ein Cutie (der sich zehn Jahre später als homosexuell outet), einer, der wirklich was draufhat und ein Wilder (der ziemlich früh Drogen und Alkohol anheimfällt). Natürlich sind alle immer Singles – das ist vertraglich geregelt –, denn die potenzielle Verfügbarkeit des Schwarms gehört zu Teenies Traumwelt.

Justin Biebers Affe: die verlorene Jugend

15-Jährige lassen sich sicher leicht beeinflussen und lenken, aber irgendwann werden aus diesen Teenagern Erwachsene – die feststellen müssen, dass sie niemals die natürlichen Veränderungen vom 12- zum 22-Jährigen vollziehen durften. Und dann vergisst Justin Bieber seinen Affen am Flughafen, Miley reitet nackt auf einer Abrissbirne und Britney Spears lässt ihr Baby Auto fahren. Britney ist überhaupt das beste Beispiel dafür, was passiert, wenn man als Jugendlicher nicht herausfinden darf, wer man eigentlich ist. Als Erwachsener steht man dann unter Vormundschaft des eigenen Vaters – der das eigentlich von vornherein hätte verhindern müssen, möchte ich hinzufügen.

Justin vs. Britney, entwicklungstechnisch

Ihr Teenie-Beau Justin Timberlake hingegen hat sich nach dem vorprogrammierten Aus von *NSYNC – da war er 21 – eine Weile zurückgezogen. Vermutlich hat er in dieser Zeit ein wenig Erwachsenwerden nachgeholt. Und dann kam er schöner und reifer als je zuvor zurück und hat den Ruf eines galanten Tie&Suit-Gentlemans, der Super-Hottie der Musikbranche, aber eben erwachsen.

Darwin macht auch Musik

Mit der Vergangenheit aufräumen / Foto: Screenshot aus Madonnas "Music", YouTube, Warner Bros Records

Mit der Vergangenheit aufräumen / Foto: Screenshot aus Madonnas “Music”, YouTube, Warner Bros Records

Nun muss es natürlich nicht einem jedem gefallen, wie sich ein anderer verändert. Manche finden Justin Timberlakes „The 20/20 Experience – 2 of 2“ doof, andere halten es für sein bisher bestes Werk. Sicher bleibt allerdings, dass Veränderungen natürlich und letztlich überlebensnotwendig sind.

Wer nicht lernt, sich an die gegebenen Verhältnisse anzupassen, wird ausselektiert. Darwinismus herrscht auch im Musicbiz. Madonna bräuchte heut sicherlich wieder einen Nachnamen, wenn sie seit 1984 nichts anderes als „Like A Virgin“ gemacht hätte. Findet jeder toll, was Madonna seit dem Rundumschlag im „Music“-Video fabriziert? Sicher nicht. Aber ohne ihre Veränderung, gäbe es heute keine Madonna mehr.

Survival of the fittest, auch im Musikgeschäft. Oder was meint ihr?

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Über Kathrin Tschorn

Kathrin Tschorn | Freiberufliche Musikredakteurin und Lektorin, beheimatet in Berlin. Stets Musik aus den Bereichen Pop, Rock, Indie, Jazz sowie allem dazwischen auf den Ohren und eine Tastatur unter den Fingern.

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