Vom Konzertsaal zu Musik und Meditation im Urwald

„Die Voraussetzung aller Musik ist Stille.“

Während einer Pianissimo-Passage in einem seiner Konzerte soll Alfred Brendel sein Spiel unterbrochen haben, um auf die Voraussetzung aller Musik in der Stille zu verweisen, denn das permanente Husten und Rascheln im Publikum war ihm bei konzentriertem Spiel zunehmend lästig gefallen. Was aber, wenn die ersehnte Stille sich im musikalischen Werk selbst ereignet? Und umgekehrt: Was ertönt, wenn Musik nicht präsent ist oder verstummt? Diese Fragen haben immer wieder Komponisten im theoretischen wie praktischen Sinn beschäftigt.

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Baumkronenpfad im Hainich, Deutschlands wohl letztem Urwald, einer Oase der Stille-Musik (RudolfSimon)

Baumkronenpfad im Hainich, Deutschlands wohl letztem Urwald, einer Oase der Stille-Musik (RudolfSimon)

So schrieb John Cage, möglicherweise auch, um seine Zuhörer zu provozieren, ein Stück mit der Längenangabe 4’33″, wobei er die tatsächliche Dauer den “Interpreten” seines Stücks ohne Noten freistellte. Er sah eine Dreiteilung in TACET I-III vor, die der Pianist der Uraufführung, David Tudor, durch das Auf- und Zuklappen des Klavierdeckels andeutete. Verständlich, dass das noch unbekannte Werk einen kleinen Skandal hervorrief, denn es erklang kein einziger selbstverursachter Ton vom Instrument. Cage selbst hatte einmal eine praktisch schalllose Echokammer betreten, aber dennoch zwei Töne wahrgenommen, weshalb für ihn nur absolute Stille mit Lautlosigkeit identisch sein konnte, aber wo sollte diese existieren? Aus der Unmöglichkeit reiner Stille schloss der Komponist nun, dass es Musik im Sinn von – absichtlich oder ungewollt – erzeugten Geräuschen immer geben werde. Vielleicht, weil wir unsere Existenz nicht ohne das Verlaufen der Zeit denken können, und Musik oder eine Abfolge von Geräuschen strukturiert Zeit.

Stille in der Bedeutung von willkürlich gesetzten Pausen hat in der Musik eine lange Tradition. In Bachs Vokalwerken kann sie einmal das Nichts kennzeichnen, so in der Motette Jesu, meine Freude, wo übergroße Pausen die musikalische Bewegung zerschneiden, ein andermal die Abwesenheit der Stimme Christi, wohl nach dem alten Verständnis, dass die Musik göttlichen Ursprungs ist, nämlich im Accompagnato Mein Jesu schweigt zu falschen Lügen stille aus der Matthäus-Passion. Hier markieren die häufigen Pausen das Schweigen Christi.

Der Mythologie geschuldet ist die lange Pause in Pergolesis Kantate Nel chiuso centro, wo Orpheus die durch einen Schlangenbiss verstorbene Eurydike ruft und sie, da nicht in akustischer Rufweite, sondern in der Unterwelt, nicht antworten kann. Spaßig nimmt sich dagegen Haydns Umgang mit der Pause aus, wofür viele seiner Finalsätze stehen oder auch die Handhabung durch Carl Philipp Emanuel Bach, ins Aberwitzige getrieben in seiner Fantasie in C-Dur. Als logische Konsequenz der darauf angelegten Satzstruktur erweist sich die Pause in Mozarts Streichquartett in G-Dur aus der zeitlichen Nachbarschaft: Der zuerst von Modulationen geprägte Hauptsatz geht förmlich im Nichts unter, wodurch die Pause danach eine gänzliche Leere darstellt.

Musik kann Stille auch nachzeichnen, vor allem wenn sie als Begleitumstand der Nacht und des Schlummers betrachtet wird, sie verläuft dann in sanften Bewegungen – so jedenfalls Jean-Jacques Rousseau in einer Reflexion über die Stille. Die nächtliche Ruhe spielt ja später auch eine Rolle in Mendelssohns Sommernachtstraum. Florestans Empfindung einer “fürchterlichen Stille”, die übrigens ein häufiges Motiv in Eichendorffs romantischen Romanen und Novellen darstellt, ist in Beethovens Fidelio in diesem Sinn auskomponiert. Ähnliche Bedeutung hat das Verstummen am Ende des Dialogs zwischen Hirtin und Hirte im Vorspann des langsamen Satzes von Berlioz’ Symphonie fantastique.

Stille kann natürlich Musik in dem Sinn sein, dass sie Heiterkeit und Entspannung hervorruft, etwa bei einem Gang durch den “stillen” Wald, bei dem höchstens ein Vogelkonzert zu hören ist.  Das weiß auch jeder, der in der ruhigeren Jahreszeit, etwa in diesem November, den wohl letzten Urwald Deutschlands zu einem besinnlichen Spaziergang oder zu einer Wanderung im Familien- und Freundeskreis betreten hat, den Hainich im Westen Thüringens: Es ist so ruhig, dass man selbst stumm wird, um Stimmen in der Ferne zu hören oder nur das Laub unter den Füssen rascheln zu hören. Hier ereignet sich große Musik in annähernd absoluter Stille und diese kann auch nur aus Geräuschen der Natur bestehen, ein kostenloses Symphoniekonzert aus der Wildnis selbst …

 

 

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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