Herr B. sieht fern

Superstars – kultig und genial – die Inflation der Worte

Im zarten Alter von 18 Jahren reiste ich mit einigen Freunden nach Rom. Da keiner von uns des Italienischen mächtig war, hatten wir vorher einige wichtige Wörter im Langenscheidt nachgeschlagen. Am Petersplatz spielte ein junger Mann Gitarre. Ich wollte meine Begeisterung zum Ausdruck bringen und sagte “Pazzo!” Der Gitarrist schaute mich irritiert an und ich wiederholte meine freudige Zustimmung zu seinem Spiel. “Pazzo, pazzo!” Sein Blick verfinsterte sich ein wenig und schien zu sagen: Willst du mich verarschen?

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Herr B. ind die Zeichen der Zeit, Foto: Mick Baltes

Herr B. und die Zeichen der Zeit, Foto: Mick Baltes

Erst hinterher dämmerte mir was geschehen war. Pazzo bedeutet soviel wie toll. Ursprünglich war das Wort ganz anders besetzt – verrückt – und das in einem negativen Sinne. Erhalten hat sich die ursprüngliche Bedeutung nur in einem Wort wie “Tollwut” oder in Redewendungen wie “einen tollen Hund totschlagen”. Im Italienischen hat das Wort pazzo keinen Bedeutungswandel erfahren, wie ich bei dieser kleinen Begegnung auf dem Petersplatz lernte. Sprache ist dynamisch und verändert sich stetig.

Für die Feststellung Du bist ein gemeines, niederträchtiges Weib, hätte ich mir vor ein paar hundert Jahren noch keine Ohrfeige eingefangen. Worte verändern ihre Bedeutung, kommen in Mode und wieder aus der Mode (Wer sagt heute noch knorke?) oder werden inflationär gebraucht. Heute ist alles Mögliche genial. Aber wie nennt man dann etwas, das wirklich genial ist?

Manchmal höre ich etwas und denke mir, “was für ein hübsches Wort” und beschließe, es in meinen Sprachschatz aufzunehmen. Aber meist passiert das eher unbewusst. Als ich ein halbes Jahr in Bayern arbeitet sagte ich auch irgendwann Grüß Gott statt Guten Tag, bestellte in der Bäckerei Semmeln statt Brötchen und ertappte mich dabei, dass ich in einem Gespräch die Feststellung tätigte: “Do siekst es jo!”

Gegen einiges konnte ich mich erfolgreich wehren. Ich fand es immer furchtbar, wenn die Autonomen der Duisburger Hausbesetzer Szene sagten: “Da müssen wir mal dran reden”. Im Job hatte mein Widerstand weniger Erfolg. Als ich von einem kleinen Grafikstudio in eine große Werbeagentur wechselte, lernte ich eine Kontakterin kennen, die sich erst mal commiten musste bevor im Meeting die Hardfacts gescreent werden konnten. Ihre Sprache war so dermaßen mit Anglizismen durchsetzt, dass es schon fast wie eine Comedy-Nummer klang, wenn sie redete. Aber sie meinte das ernst. Ein paar Jahre Agenturleben gingen dann auch nicht spurlos an mir vorüber. Und manchmal motzt meine Freundin “Kannst du das auch auf Deutsch sagen!” Na ja, zu meiner Verteidigung: downloaden ist ein Verb und steht mittlerweile auch im Duden.

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Über Mick Baltes

Jahrgang 1962, studierte Politikwissenschaft und Kunst in Duisburg. Hat Spaß an Blues, Rock und gutem Songwriting. Ist Cineast und TV-Junkie. Arbeitet als Redakteur und Webdesigner.

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