In der Kritik

Rassismus-Vorwürfe gegen Knorkator und ihr neues Werk “We want Mohr”

“Deutschlands meiste Band der Welt” sieht sich aktuell in eine Ecke gedrängt, die so rein gar nicht zu den Berliner Fun Metallern passen mag. Knorkator, die von ihrem skurrilen Image und den Umgang mit exzessiver Vulgarität und bissiger Satire leben, verlangen von ihrem Publikum zwar stets eine gehörige Portion hartgesottenen Humor ab, durchbrechen jedoch nie die Grenzen des guten Geschmacks komplett. Doch genau an dieser Art von Humor stößt sich nun die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V. (ISD) und wirft der Band vor, sich über Schwarze lustig zu machen.

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Knorkator "We want Mohr" Cover Artwork

In der Kritik: Das Cover Artwork zu “We want Mohr”
(Quelle: Tubareckorz / rough trade)

Im Kreuzfeuer der Kritik steht das kommende Knorkator-Album, das am 17. Januar auf den Markt kommen wird. Grund dafür ist nicht nur der Titel “We want Mohr”, sondern auch das Cover Artwork und das Tourplakat. Dieses haben die Berliner in Anlehnung an den  Kinderzimmer-Dauergast “Struwwelpeter” bzw. der “Geschichte von den schwarzen Buben” kreiert.

Vor allem das Tourplakat kritisiert die Initiative als eine Darstellung mit einer eindeutigen “kannibalistischen” Bildbotschaft und somit als Zurschaustellung rassistischer Klischees. Ähnlich bewertet der Verein auch die Geschichte von Heinrich Hoffmann an sich, in der Schwarz-sein unterschwellig als Strafe dargestellt wird.

Gebrandmarkt mit dem Rassismus-Stempel versteht die im linken Milieu zu verortende Truppe die Welt nicht mehr und zeigt sich geschockt über diese Vorwürfe. Sänger und Bandchef Stumpen meldete sich auf der offiziellen Knorkator-Facebook-Seite zu Wort und veröffentlichte dieses Statement:

Sehr verehrte Öffentlichkeit,

war ich anfangs nur erstaunt, dass gegensätzliche Meinungen zu Gestaltung von Cover, Plakat und Titelwahl der neuen Platte der Band Knorkator 2014 “We want Mohr” aufkamen, bin ich inzwischen erschrocken und enttäuscht, dass ich damit inzwischen auf der Seite der “Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V.” wiederzufinden bin, weil die Band Knorkator der Meinung nach das neue Album rassistisch bewirbt.
Als Mitglied der Band Knorkator werde ich mit dem Vorwurf konfrontiert, ich sei ein Mensch mit unreflektiertem Umgang zur deutschen kolonialen Vergangenheit und habe einen degradierenden Blick auf schwarze Menschen und People of Colour.
Spätestens hier muss mich mit dem Vorwurf auseinandersetzen als ein Rassist gesehen zu werden bzw. mich wie einer zu verhalten. Für mich und die Menschen, die mich kennen, ist das in der Tat ein Knaller.
Am liebsten würde ich das alles unkommentiert lassen, weil es sich hier um Kunst und Kultur handelt, die bekanntlich auch streitbar sein kann, wenn sie auf kulturelle oder andere Unterschiede stößt. Da ich aber nicht als ignorant oder überheblich verstanden werden möchte, habe ich mich entschieden, eine kurze Erklärung abzugeben, die mit der Hoffnung verbunden ist, dem Problem begegnen zu können.

Knorkator "We want Mohr"-Tour

Die ISD fordert Knorkator auf, die Abbildungen noch einmal zu überdenken und zu ändern.
(Quelle: Knorkator)

Zuerst war es ein Bild, worauf sich die Kritiker bezogen, inzwischen steht jedoch alles auf der Ahndungsliste und es scheint keine Rolle zu spielen welcher Zusammenhang besteht, welche Menschen und welche Gedanken dahinter stecken, die sich sehr wohl überlegt haben, was, wie geschrieben und gezeigt werden soll. Das schließt Firmen und öffentliche Einrichtungen ein, die die Band Knorkator unterstützen.

Die Nachstellung einer Illustration aus dem allgemein bekannten Kinderbuch von 1845 “Der Struwwelpeter” wird für unzureichend erklärt, gleichfalls scheint die Tatsache irrelevant, dass die Voranschreitende eine Freundin ist, die (jetzt bin ich tatsächlich am Überlegen welche Formulierung ich für sie benutze, die als Mensch mit dunkler Hautfarbe in Deutschland lebt) bei der Umsetzung dieser Fotos beteiligt war. Die Voranschreitende ist also keine Weiße in “Blackface-Manier”, also schwarz bemalte Weiße, sondern ein(e) “People of Colour” und so gab es schon allein deshalb für uns keinerlei Ansatz von Zweifel, dass das Motiv missverstanden werden könnte, wir uns als Weiße über Schwarze lustig machen, bzw. (so der Vorwurf) jahrundertealte Unterdrückung reinszenieren zu wollen, was in der Kunst nichts zu suchen habe.

Ich kann natürlich anerkennen, dass Initiativen, Bilder oder Wortspiele, welche nicht im Kontex gesehen, auch nicht so verstanden werden. Und es ist schon bitter, wenn bisherige Reaktionen und Antworten auf kritische Fragen als fadenscheinig abgewehrt werden.
Ich frage mich somit in erster Linie, ob es hierbei tatsächlich um eine eine Erklärung und eine Stellungnahme, um das wirkliche Verständnis, oder um eine offensichtlich unanfechtbare Kritik an einer Aktion ist, die durch nichts mehr gerade zu biegen geht. Was letztlich bedeuten würde, dass das Kind ist in den Brunnen gefallen ist.
Ich möchte nicht behaupten, dass meine Sicht auf die Welt zu hundert Prozent korrekt ist, stets fehlerfrei verstanden werden muss und ich respektiere selbstverständlich eine andere Draufsicht.
Kolonialismus war und Rassismus ist in der Tat eine menschenverachtende Ideologie, keine Frage. Das Album und den damit verbundenen Titel jedoch als stereotyp rassistisches Machwerk abzustempeln, ist eine unangemessen gefährliche Bewertung, denn hier greift die Tatsache, dass Menschen anhand von Stereotypen nicht mehr nach Person und Intention behandelt werden und sich automatisch Vorurteile ergeben. Dieses entstehende Bild stimmt dann nicht mit der Wirklichkeit überein und ist zudem negativ.

Mein Vater gab mir zu Lebzeiten einen guten Rat auf den Weg: suche das Gespräch, wenn es ein Problem gibt, denn Menschen sind alle verschieden und es geht nie von nur einer Seite aus. Das passt, wie ich finde, sehr gut, denn was ist in Bezug zum Vorwurf der rassistischen Bewerbung richtig und was falsch? Wer hat Recht – derjenige, der erzählt und verstanden sein möchte, oder derjenige, der betrachtet, erfaßt und interpretiert?

Dass die Band Knorkator mit diesem Motiv Menschen verletzt, beleidigt oder lächerlich gemacht haben soll, tut mir aufrichtig leid und ich möchte versuchen, einen gangbaren Weg zu finden, der den vermeintlichen Schaden reduziert, bzw. weitere Nachteile verhindert.
Und dass dieses, sagen wir schlicht Mißverständnis aus zugestandenerweise nicht bis in das letzte Detail durchdachte Handeln mit Rassismus gleichgesetzt wird, tut beiden Seiten nicht gut.
Ich hab die Hoffnung nicht verloren, dass die Band Knorkator mit all seinem Facetten und Farben, seien sie auch noch so provokativ oder bunt, als das verstanden werden kann, was es ist: Kunst und Kultur.
Sollte jeglicher konstruktive Ansatz im Keim erstickt werden, die Meinung durch meine Erklärung unverändert anhalten, habe ich es zumindest versucht, dieser Diskrepanz mit einem Dialog zu begegnen.

Habt vielen Dank für das Lesen und das wachsende Verständnis
Gero Ivers alias Stumpen”

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Über Agnes Berndanner

Agnes Berndanner | Freie Musikjournalistin. Geboren in Weißenburg i. Bay., derzeit beheimatet in Mannheim. Studium der Theater-, Musiktheater- und Literaturwissenschaft an der Universität Bayreuth. Zu jeder Situation den passenden Soundtrack, doch zu Hause fühlt sie sich in den musikalischen Extremen.

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