Selaxon Lutberg auf Denovali

Kindheit neu gedeutet: Simboli Accidentali

Hinter Selaxon Lutberg verbirgt sich der zurückgezogen agierende Soundkünstler Andrea Penso. Mit „Simboli Accidentali“ (Denovali), seinem dritten Album, widmet er sich seiner Kindheit, die er mit flächigen Sounds und verspielten Details für Momentaufnahmen rekonstruiert und zugleich als eine tendenziell trügerische Erinnerung an kindliche Gefühle und Stimmungen der Dekomposition zuführt. Entstanden ist dabei ein unwahrscheinlich vager, behutsamer und schwermütiger (Klang-) Fluss, der bei seiner Trägheit eher an ein stehendes Gewässer denken lässt, auf dessen Grund sich der Erfahrungsschatz der Kindheit befindet. Unser aller Kindheit.

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Cover: Was mag damals geschehen sein? (Denovali)

Cover: Was mag damals geschehen sein? (Denovali)

Wie schon bei seinen vorherigen Veröffentlichungen dient die eigene Biografie als Ausgangspunkt des musikalischen Themas. Für die „Simboli Accidentali“ richtete Andrea Penso seine Sinnsuche auf frühe und früheste Bezugspunkte aus. „Der berühmte Filmregisseur Andrej Tarkovsky erachtete die Kindheit als entscheidend für die individuelle Zukunft und als absolut determinierend, was die künstlerische Aktivität, die Innensicht sowie die damit verbundenen psychologischen Probleme betrifft. Die Kreativität eines Erwachsenen, so Tarkovsky, verdankt sich ausschließlich dem kindlichen Erleben. Also bin ich bei diesem Album auf die Suche nach den zufällig entstandenen Symbolen meiner Kindheit gegangen“, so Andrea Penso. Nach Momenten, die bei jedem Kind eine besondere Bedeutung erlangen, ohne dass es sich des Grundes für das Besondere schon bewusst werden kann, sei deutend hinzugefügt.

„Ich wollte mich mit den Kompositionen diesen Symbolen nähern, nicht im Detail, sondern in ihrer Essenz.“ So lässt auch das Cover einen impressionistisch verfremdeten Blick auf ein symbolhaftes Ereignis aus Pensos Kindheit zu, ohne die Hintergründe, die wahre Geschichte hinter dem Bild, aufklären zu wollen oder zu können.

Die Aufnahmen zu „Simboli Accidentali“ zogen sich über zwei Jahre hin. Zur Anwendung kamen dabei neben bis zur Unkenntlichkeit verfremdete Gitarrensounds und einer alten billigen Orgel zahlreiche Loops, die Pardo kaputten Tapes und alten Schallplatten entnommen hat. Wollte man Vergleiche anstellen, so dürften diese von Ambient Post-Rock – Aural Method, Labradford oder Slowdive („Pygmalion“) – über die kaputten Analog-Loops von Philip Jeck oder William Basinski bis zu den (alp-) traumwandlerisch breit angelegten Gefühlswelten von Stars Of The Lid oder der David Lynch-Drones reichen.

Das Unfassbare, das Unverbindliche an Pensos Musik gestattet dem Hörer, auf die Suche nach den nur halb vergessenen oder unzureichend verdrängten Symbolen der eigenen Kindheit zu gehen. Ein Ambient-Album der Sonderklasse, wobei es an der Zeit ist, die durchweg hohe Qualität dieser Musikgattung immer wieder ganz klar zu betonen, damit sie auch einem breiteren Publikum nahe gebracht werden kann, anstatt weiterhin nur von Soundschnulzen à la Schiller vereinnahmt zu werden.

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