“Darkside” Tom Stoppard trifft Pink Floyd

… was uns erwartet ist Kunst und große Fragen. Eine stellt sich nach der Moralphilosophie per se. Eine andere lautet, ob Dr. Antrobus Emily wirklich helfen will. Oder kann er sie nur betäuben und beruhigen? Denn sie sitzt im Zug der Fliehenden, beobachtet einen Flugzeugabsturz, trifft Gedankenexerimente und einen jugendlichen Helfer. Emily sucht nach Wahrheit. Jetzt in der Obhut von Dr. Antrobus (dem Menschlichen!) und nach der Verabreichung von Psychopharmaka, hofft sie auf Zuflucht in der Philosophie vor ihren inneren Stimmen. Und muss sie deshalb alle unterwegs treffen.

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Quelle: Pressekit - Pink Floyd Music LTD for BBC

Quelle: Pressekit – Pink Floyd Music LTD for BBC

Mr Bagott, Emilys Lehrer,  ist “Ethics man” – der vor renitenten Studenten Vorträge über Nietzsche hält ohne einen Radiergummi benutzen zu können und beschließt, dass man so nicht leben kann. Das alles wird begleitet – nein, eher synergetisch durchsetzt von (nicht irgendwelcher) Musik.  Pink Floyd. Dark Side of the Moon.

That’s the part I’m still working on

Ein Flugzeugabsturz verursacht Chaos und Zerstörung. Spekulationen eines fetten Mannes geben einem ganzen Landstrich den Rest. Emily ist betroffen und ihr jungmoralisch-naives männliches Alterego “Boy” lässt sie weiterdenken. Sie arbeitet an ihrem Geist. An ihren Stimmen, an ihrem Bewusstsein und ihrer Moral. Als ein weiser Mann ihr “old and naked” sagt, dass der Sinn des Lebens sei,  keine Übung zu sein, wagt sie es, ihrem Ethik-Lehrer zu widersprechen. Und schon als sie ihr erstes moralisches Problem löst, nämlich die Frage ob egoistischer Betrug berechtigt ist, wenn doch alle betrügen und diese Frage mit nein beantwortet, weil man mit moralisch korrektem Verhalten auch nicht alleine bleibt, wird sie aufs Podium geführt. Sie “predigt” den Betrogenen und Betrügern die Freundlichkeit als Naturzustand des Menschen und besteht auf der Einigkeit des Guten. Doch sie selbst ist kein Gedankenexperiment. Prompt wird ihr jugendliches Gewissen als Hexe inhaftiert. So treffen sich der tote Pilot, der Bänker, der Politiker, die Gedankenexperimente, die gegen die Behexung des Guten aussagen müssen, vor Gericht. Und führen Infrastruktur, Ordnung und Geld als Gegenbeweise an. Money läuft dazu. Was sonst? Emily versucht Boy zu schützen und gibt zu bedenken, dass man das Gute nur spüren kann und nicht erklären muss. Und dass sie selbst die Hexe ist, die sie zum Guten behext hat. So stehen Boy und Emily füreinander ein. Und alle Menschen, die ihr zuhörten bekennen sich plötzlich auch “Hexen” zu sein. Man bleibt also wirklich mit ethischem Verhalten nicht allein – Emily hat recht! Q.e.d.?  Ist das schon die Moral von der Geschicht?

Which one is the witch

Emily und ihrem Gemini gelingt die Flucht. Am Ende stellen sie fest, dass sich das verbrannte Land erholt hat. Und schon sind sie wieder da. Die Menschen, die Emily als ihre Retterin feiern, der Bänker, der neue Gewinne errechnet und der Politiker, der neue Vorteile sucht. Und alles fängt von Neuem an und ist so falsch wie eh und je. Denn auch wenn Menschen das Gute kennen, müssen sie nicht danach handeln. Aber das wollen sie auch nicht.

What is the good and who is the juggler?
Was überhaupt ist denn das Gute? Genau das war die Frage, die Emily ins die Endlos- Schleife des Denkens brachte. Und sie kann nicht beantwortet werden. Es ist als ob man nach der Existenz per se fragt, nach Gott, dem großen Gaukler und Zufallstreiber. Es bleibt eine Glaubensfrage – ebenso, ob Mr Bagott Emily wirklich Blumen in die Klinik bringt statt Antworten.  Oder ist auch das wieder nur ein Experiment eines längst zu grenzüberschreitenden Geistes? Brain Damage verdeutlicht es: Am Ende denkt Emily ihr Hirn in Fetzen. Denn es gibt keine dunkle Seite des Mondes. Weil alles dunkel ist.

Und die Moral von der Geschicht – es gibt sie nicht, es gibt sie nicht!

Es ist seltsam ein Erlebnis zu kritisieren oder eine Erfahrung zu bewerten. Man kann es nicht. Es gibt keine Note für dieses großartige Gesamtkunstwerk, keine Bewertung in Sternen,  Herzchen oder hochgehobene Daumen. Kein “Gefällt mir” und keinen Pin-Post. Hat es mir gefallen? Ja – es war fantastisch!
Aber man kann nicht (mit)-teilen, wie es sich anfühlt mit einem Bunjee-Seil von einer Brücke zu springen, in einem Fass durch Stromschnellen zu geschleudert zu werden oder auf einer Bergkuppe zu sitzen und kein einziges Geräusch mehr zu hören, außer dem eigenen Blut in den Ohren. Weißes Rauschen ist ebensowenig erklärbar wie das Universum. Und so ist Darkside viel mehr als ein Hörspiel, viel mehr als ein Trip in das Hirn einer halbwahnsinnigen Moralphilosophin, viel mehr als nur ein neuer, mit engagierten Ethik-Phrasen aufpolitierter Aufguss eines alten Pink-Floyds Albums. Es ist ein Hörerlebnis (!), auf das man sich einlassen muss. Bedächtig, leise, künstlerisch und tief. Vielleicht am ehesten so, als schwämme man bei Neumond im Meer und höre nichts. Nur Emilys irres Lachen. Weil so die dunkle Seite des Mondes klingt.

Gehört in jeden Plattenschrank. Zweifellos!

 

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Über Anja Thieme

Anja Thieme lebt in Ost-Westfalen/Lippe und arbeitet seit über 10 Jahren als freie Autorin und Journalistin. Mit der Arbeit für amusio.com verbindet sie ihre große Leidenschaft für Musik mit ihrem Beruf.

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