Emanzipation. Integration. Masturbation. Teil I

“Ich muss mich nicht entscheiden!” – Im Gespräch mit Lady Bitch Ray

Vielen ist Dr. phil. Reyhan Şahin alias Lady Bitch Ray nur wegen ihres Skandalauftritts in der Sendung Schmidt & Pocher oder vom perfekten Promi Dinner bekannt. Zu Unrecht, denn die Bremer Musikerin, Autorin und Sprachwissenschaftlerin kann viel mehr, als lediglich zu provozieren. Das beweist sie nicht nur mit ihrem eigenen Musiklabel oder dem 2012 erschienenen Aufklärungsbuch, ‘Bitchsm – Emanzipation, Integration, Masturbation.’, sondern auch mit ihrer Doktorarbeit über ‘Die Bedeutung des muslimischen Kopftuch in Deutschland’. Für diese wurde die 33-Jährige Ende November in Berlin mit dem zweiten Platz des Studienpreises der Körber-Stiftung ausgezeichnet. Ich durfte eine selbstbewusste, junge Künstlerin zum Gespräch treffen, die so gar nicht in das Bild der Skandalrapperin passt.

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 (Fotografie: Alexander Fanslau/Bildregie: Lady Bitch Ray)

“Mir ist es wichtig die vaginale Selbstbestimmung auch auszuleben.”
(Fotografie: Alexander Fanslau/Bildregie: Lady Bitch Ray)

Dein ‘Bitchsm’-Buch erschien vor einem Jahr und auch deine Doktorarbeit soll nun veröffentlicht werden. Sind das nicht total unterschiedliche Zielgruppen, die du damit ansprichst?
Dr. Reyhan Şahin: Die Doktorarbeit ist eine wissenschaftliche Arbeit, die aber auch so geschrieben ist, dass sie alle Leute erreichen soll. Und ‘Bitchsm’ ist eigentlich ein Sachbuch, also kein wissenschaftliches Buch. Vielleicht populär- wissenschaftlich, denn es ist nicht in einer akademischen Sprache geschrieben, aber der Inhalt ist irgendwie schon wissenschaftlich, wie mein Bitchmanifest. Als ich ‘Bitchsm‘ und auch die Doktorarbeit geschrieben habe, dachte ich natürlich nicht, dass ich so ein breites, gemischtes Zielpublikum erreichen würde. Mittlerweile ist es so, dass die Inhalte von ‘Bitchsm‘, welches ja ein feministisches Werk ist, von Frauen zwischen 20-60 aufgenommen werden. Ich werde von älteren Frauen und auch Männern auf der Straße angesprochen oder angeschrieben, die sich bedanken und sagen: “Ich höre zwar keinen Hip-Hop oder ihre Musik kenne ich nicht, aber ich finde gut, für was Sie einstehen.” Das ist cool. Damit hätte ich nicht gerechnet.

Wie schwierig ist es manchmal für dich Reyhan Şahin und Lady Bitch Ray auseinander zu halten?
Dr. Reyhan Şahin: Das ist gar nicht schwierig. Schwierig ist es, wenn in der Gesellschaft einfach nicht akzeptiert wird, dass man beides ist. Also, wenn ich Wissenschaft betreibe und mir dann vorgehalten wird: “Aber Sie sind ja auch Künstlerin. Wann wollen Sie sich entscheiden?” Ich muss mich nicht entscheiden. Weil ich Beides bin. Eigentlich spiegelt das nur die Hybridität, die Flexibilität, dieser Gesellschaft wider. Man ist nicht nur Anwalt, man hat auch noch ein Privatleben. Wir werden durch die Gesellschaft, durch dieses System, gezwungen nur eine Identität zu sein. So sind wir aber nicht und ich bin das beste Beispiel.
Natürlich ergänzt das Eine das Andere auch, denn wenn ich keine Wissenschaft betreiben würde, könnte ich gar nicht Lady Bitch Ray sein. Das habe ich mir feministisch erarbeitet, denn die Bitch ist ja nicht dumm. Sie wäre nicht hier, wenn es nicht auch die Wissenschaftlerin geben würde. Und Reyhan Şahin wäre nicht da, wenn es meine Lady Bitch Ray-Seite nicht geben würde. Dass zeigt, wie es ist, wenn eine selbstbestimmte Frau – denn es geht hier wirklich um Unabhängigkeit und Selbstbestimmung – ihren Weg geht. Mittlerweile haben schon einige Leute verstanden, dass, egal was passiert, ich diesen Weg zu Ende gehen werde.

"Bitchsm – Emanzipation, Integration, Masturbation." (Verlag: Vagina Style Verlag/Panini Books)

“Bitchsm – Emanzipation, Integration, Masturbation.”
(Verlag: Vagina Style Verlag/Panini Books)

Den Weg gehst du jetzt ja schon länger und bedenkst deine wenigen Auftritte inzwischen sehr genau. Was hast du aus den letzten Jahren mit Burnout gelernt?
Lady Bitch Ray: Ich habe sehr viel gelernt und auch verändert. Ich wollte wirklich eine Stimme junger Frauen sein, die anders sind. Die unabhängig sein und selbstbestimmt leben wollen, denn meine Vorbilder sind Lil’ Kim, Riot Grrrls oder Missy Elliott. Besonders auch Nina Hagen, denn sie hat ihren eigenen Style. Ich liebe ihren legendären Auftritt von 1979 (in der Talkshow Club 2, in der Hagen damals über weibliche Masturbation sprach, Anm. d. Red.) und der zweite Auftritt solcher Art war die Überreichung meines Votzensekrets in der Schmidt & Pocher-Show (lacht). Das war auch inspiriert von ihrem Auftritt. Ich habe meine Vision gehabt als Lady Bitch Ray mit einem feministischen Inhalt, aber ich konnte das mit meinem damaligen Management und meiner Umgebung nur schwer umsetzen. Hinzu kam, dass ich zu jener Zeit medial so eine Publicity hatte, aber auf der anderen Seite keinen Plattendeal. Ich hab mir während und nach meiner Krankheit vorgenommen, ich werde nie wieder von Leuten abhängig sein, fremdbestimmt werden oder in so einen Strudel geraten, wo es dann auch nicht mehr um meine Kunst geht.
Die erste Veränderung war sich zurückzuziehen und erstmal eine Sache zu machen. Nämlich die Doktorarbeit, die mich wirklich herausgefordert hat, die mich aber auch geheilt hat. Ich habe mir selbst gesagt: “Wenn du zurückkommst, dann als Dr. Bitch Ray und du wirst es allen zeigen. Du wirst diese Doktorarbeit gut machen, denn du bist eine Wissenschaftlerin.” Das hat mir Power gegeben, neben den beschissenen Phasen, die ja auch dazugehören. Mir wurde vor allem klar, dass ich nicht verstanden wurde. Das kann passieren, wenn eine Frau als Rapperin sexualisiert oder als selbstbestimmte Bitch auftritt, hinter der keine Männer stehen, die sich die Sachen ausdenken. Mir ist es wichtig die (vaginale) Selbstbestimmung auch auszuleben.

Deshalb kümmerst du dich jetzt um alles selbst?
Lady Bitch Ray: Ich wollte das damals schon so, denn ich war schon immer das, was ich bin. Die meisten Stars leben ja nicht selbstbestimmt. Das sind Marionetten und eigentlich auch Opfer der Gesellschaft. Mein Management sagt mir nicht, welche Termine ich habe oder was ich machen muss. Mittlerweile begegnen mir viele mit Respekt und akzeptieren, dass ich nicht von irgendwelchen männlich-dominierten Plattenfirmen in diesem scheiß patriarchalischen System abhängig und fremdbestimmt sein möchte.

Den zweiten Teil des Interviews mit Frau Dr. Bitch Ray, inklusive Ausblick auf neue musikalische Projekte und ihrer Meinung zu Frauen im Hip-Hop, findet ihr hier.

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Über Emilia Gallas

Musikliebhaberin, Literaturwissenschaftlerin, freiberufliche Journalistin und Musikredakteurin aus Bremen. Elektronische Sounds sind ihr willkommen, alle anderen aber auch.

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