Emanzipation. Integration. Masturbation. Teil II

“Provozieren muss man erstmal können!” – Im Gespräch mit Lady Bitch Ray

Lady Bitch Ray exklusiv bei uns im Gespräch. Der zweite Teil des Interviews mit Rapperin, Buchautorin und Studienpreisträgerin Dr. Reyhan Şahin, unter anderem mit der Frage, gibt es eine weibliche Rapkultur in unserem Land oder geht deutscher Rap den Bach runter? Ihr habt den ersten Teil des Interviews verpasst? Hier nachlesen.

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"Ich möchte mehr Inhalte, Empowerment und Solidarisierung unter Frauen, anstatt Gezicke." (Fotografie Alexander Fanslau/Bildregie Lady Bitch Ray)

“Ich möchte mehr Inhalte, Empowerment und Solidarisierung unter Frauen, anstatt Gezicke.”
(Fotografie: Alexander Fanslau/Bildregie: Lady Bitch Ray)

Daraufhin hast du dann dein eigenes Label ‘Vagina Style Records’ gegründet…
Lady Bitch Ray: Ja, dazu haben mich diese männlichen Schwanzstrukturen gebracht. Mein Label heißt deshalb ‘Vagina Style Records‘, weil ich wollte, dass es um feministische Inhalte geht. Mein zukünftiges Ziel ist es, meine neuen Projekte selbst über das Label rauszubringen und zu vertreiben. Ich würde natürlich auch Männer signen, wenn das beispielsweise emanzipierte Bitcher (ein Mann, der sich der Emanzipationsrechte der Frau bewusst ist und diese akzeptiert, Anm. d. Red.) sind oder auch schwule Rapper. Ich will Leute fördern, die anders sind.

Du planst also in naher Zukunft auch wieder vermehrt musikalische Projekte?
Lady Bitch Ray: Ich möchte demnächst ein paar Songs aufnehmen und gucken, in was für eine Richtung das gehen wird. Die Basis der Musik ist Hip Hop. Ein Teil meiner Musik hatte auch elektronische Züge, denn ich möchte immer über Grenzen hinweg. Ich kann mir beispielsweise auch vorstellen mal einen Rap-Chansons zu machen.

Können deine Fans und Hater sich also wieder auf die üblichen Texte und Disse freuen?
Lady Bitch Ray: Die Hater sollen sich warm anziehen (lacht). Ich hab tatsächlich in den letzten Monaten neue Texte geschrieben, mich mit meinen Produzenten getroffen und auch mit neuen Produzenten gesprochen. Mir ist wichtig, dass die Musik zu mir passt, denn ich könnte gar nicht andere Musik machen. Wenn ich meine Sprache benutze und mich ausdrücke – da ist auch eine gute Menge Humor mit dabei – dann entstehen solche Songs. Das sind einfach meine Emotionen. Das ist nicht die Sprache der Schwänze. Es ist mein Recht, so sprechen zu dürfen, das gehört nicht den Männern, nur weil sie es bis jetzt okkupieren. Fick die!, das ist meine Sprache. Ich setz mich nicht hin und denke: “wie spreche ich wie Bushido?”
Es geht ja nicht darum, einfach nur Vulgärsprache zu benutzen. Darum ging es nie. Es geht um die Inhalte. Ich hab Tracks von Früher, wie meinen Song an die ermordete Hatun Aynur Sürücü, an meinen Vater oder einen an Türkinnen, der heißt ‘Kanakerbraut’, die wurden nie veröffentlicht, weil mein damaliges Management auf Provokation und nicht auf Inhalte gesetzt hat.
Ich muss mir aber um Provokation gar keine Gedanken machen. Ich provoziere jetzt auch, wenn ich in der Universität sitze und Vorträge halte. Das ist die größte Provokation. Deswegen hasse ich die Frage, ob es eigentlich nur um Provokation geht. Provozieren muss man erstmal können! Das ist wichtig als Künstlerin, damit man Denkanstöße gibt und Leute zum Nachdenken bringt.

Dr. Reyhan Şahin wurde kürzlich der Studienpreis der Körber-Stiftung für ihre Doktorabeit verliehen. Überreicht wurde der Preis von Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert. (Foto: David Ausserhofer/Körber-Stiftung)

Dr. Reyhan Şahin wurde kürzlich für ihre Doktorabeit mit dem Studienpreis der Körber-Stiftung ausgezeichnet. Überreicht wurde der Preis von Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert.
(Foto: David Ausserhofer/Körber-Stiftung)

Was hältst du denn mittlerweile von der weiblichen Rap-Kultur – falls man überhaupt von so etwas sprechen kann – speziell auch in Deutschland?
Lady Bitch Ray: Da hat sich in Deutschland schon einiges getan. Nach Lady Bitch Ray gab es 2007 direkt Miss Doggystyle. Das war ja nur noch von Männern-gemachter Porno. Auch Schwesta Ewa sollte sich nicht hinter die Frankfurter Knacken stellen, denn sie ist eine coole Bitch. Aber den dreckigen Voyeurismus, nach dem Motto “Kuck mal die war oder is’ ‘ne Nutte!” und diese Form von Stigmatisierung, finde ich ekelhaft. Das macht mich traurig, denn ich wünsche keiner Frau so angeguckt zu werden. Das ist für mich die höchste Form von Unterwerfung.
Was ich mache, ist das genaue Gegenteil. Ich stehe für Selbstbestimmung ein, für die Unabhängigkeit der Frauen und eben nicht für Unterwerfung. Sookee hat Ansätze, die mir gefallen. Den ganzen Rest kannst du wirklich leider vergessen – und das meine ich nicht qualitativ. Aber ich sehe da sonst keine anderen. Vor allem keine, wo ich sagen kann, die geht ihren Weg oder da sind Ansätze, die ich unterstützen würde. Kitty Kat ist eine sehr gute Rapperin. Ich finde es aber schade, dass sie sich von dieser Aggro-Truppe und danach jetzt von Universal hat kaufen lassen. Sie ist die zensierte Version von Lady Bitch Ray, die sauberere Version der Plattenfirmen.

Aber Kitty Kat ist doch ein vermeintlich “böses Mädchen”!?
Lady Bitch Ray: Ja, genau, das ist ein gutes Beispiel. Daran sieht man ja, wie das Image funktioniert: nämlich gar nicht. Da mangelt es an Authentizität. Wenn du das selbst nicht bist, dann kannst du es auch nicht spielen. Da kannst du dir fünf Kunstfiguren ausdenken, nur das Original funktioniert. Das muss von hier kommen (deutet auf ihr Herz). Ich möchte mehr Inhalte, Empowerment und Solidarisierung unter Frauen, anstatt Gezicke.

Dieser Aussage kann ich mich nur anschließen und bedanke mich für das offene Gespräch.

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Über Emilia Gallas

Musikliebhaberin, Literaturwissenschaftlerin, freiberufliche Journalistin und Musikredakteurin aus Bremen. Elektronische Sounds sind ihr willkommen, alle anderen aber auch.

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