Lange Galerie der Tanzkultur

Vorhang auf für die (Orchester-)Suite

Dass verschieden(st)e Tänze einander folgen oder kombiniert werden, ist nichts Neues und seit der Antike eigentlich selbstverständlich. Auf Notenmanuskripten ist dies allerdings ein jüngeres Phänomen. Erwähnungen existieren aus dem Mittelalter zwar für Tänze des gleichen Typus, mit der Abfolge von Estampie und Rotta gilt dies für verschiedenartige Tänze aber erst seit dem 14.und 15. Jahrhundert. Domenico da Piacenza etwa lehrte 1416 die unterschiedliche Rhythmisierung einer Melodie als Quadernario, Saltarello, Bassa danza und Piva, was mit dem Wechsel aus schnellen gesprungenen und langsamen geschrittenen Teilen zu erklären ist – dieser wird ja später auch bei der dreisätzigen Sonata da camera der Barockzeit greifbar.

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Chambonnières: Gigue aus der 4. seiner Cembalosuiten von 1670 (Jacques Champion de Chambonnières)

Chambonnières: Gigue aus der 4. seiner Cembalosuiten von 1670 (Jacques Champion de Chambonnières)

Aber sowohl im 16. wie noch im 17. Jahrhundert wird die Gestaltung der Reihenfolge der erwähnten Einzeltänze dem jeweiligen Musiker oder Tanzmeister überlassen. Von der Gattung der Suite im engeren Sinn lässt sich erst bei italienischen Gebrauchskompositionen aus dem Umfeld der frühen Oper im 17. Jahrhundert sprechen: Für die ältesten Beispiele gilt die Verkettung von Ballo, Gagliarde, Corrente, Canario, Gavotta, Brando, Ritornello und nicht näher bestimmten Stücken ohne Tanzcharakter. In England wie in Frankreich entwickelte sich die Tradition der Suite im Rahmen der Tragedie lyrique und des Ballet de Cour. Vielfältige Satzkombinationen werden nach dem eher gleichmäßigen Bau bei Chambonnières, Louis Couperin und d’Anglebert erst bei Rameau und Francois Couperin üblich, nachdem immer mehr Formen wie Prelude, Chaconne und Passacaille Einschlupf gefunden haben.

Tanzfreie Einleitungssätze verwendete in Deutschland allerdings Johann Rosenmüller, der die Sinfonie in seiner Sonata da camera (1667) schon der italienischen Ouvertüre annäherte. Schmelzer, Kusser und Erlebach ebenso wie Händel und J.S. Bach folgen eher der Struktur der Ouvertüren-Suite aus dem französischen Ballett. Auch das Schema der nur für ein Klavierinstrument vorgesehenen Suite wurde zum Ende des 17. Jahrhunderts um weitere Tänze wie Menuett, Bourrée, Air und Passepied, bei J.S. Bach vereinigen sich deutsche und französische Muster.

Die Suite löste sich um die Mitte des Aufklärungsjahrhunderts in Mischformen auf und wurde erst Ende des 19. “wiederentdeckt”. Zu dieser Zeit hatte sich die Suite aber längst von ihrem Tanzursprung entfernt, war stilisiert worden und hatte sich – schon bei Bach – der Absoluten Musik zugeneigt. 1911 zuerst widmete sich Strawinsky dem etwas angestaubten, aber fesselnden Tanzgenre in seinem Feuervogel. Albeniz, Hindemith und Schnittke nutzten sie ebenso, vor allem in kammermusikalischen und orchestralen Besetzungen, wobei der Begriff häufig auf die Anknüpfung an traditionelle Kompositionstechniken verweist. Wer sich aber mehr für die barocken Cembalosuiten erwärmen kann, dem sei die CD mit Werken von Chambonnières, gespielt von Francois Lengelle (B00029BP6M, 2004) unter dem Titel Pieces de Clavecin empfohlen.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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