Subtil und von innerem Reichtum

J.P.E. Hartmanns Orchesterwerke – 150 Jahre später

Ein bedeutender, aber unterschätzter Zeitgenosse Mendelssohns war der Däne Johan Peter Emilius Hartmann (1805 – 1900), und mit diesem auch befreundet. Er war - noch vor seinem späteren Schwiegersohn Niels Wilhelm Gade – der eigentliche Grandseigneur der dänischen symphonischen Musik im 19. Jahrhundert, deren allmähliches Wiederaufleben nach dem Staatsbankrott in Folge des Kriegs mit England nicht zuletzt seinem Engagement zu verdanken ist. Er verstand es sowohl den wehmütigen Ton der aufkeimenden nationalromantischen Schule zu treffen, als auch diesen in für frühromantische Verhältnisse kühne Harmonien zu bannen und kann außerdem als einfallsreicher, gemütvoller Melodiker bezeichnet werden.

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Eine Auswahl aus Hartmanns bedeutenden, nichtsymphonischen Werken für Orchester, teils mit Chor bietet diese großartige Einspielung unter Thomas Dausgaard (dacapo records 636943606124)

Eine Auswahl aus Hartmanns bedeutenden Werken für Orchester, teils mit Chor bietet diese großartige Einspielung unter Thomas Dausgaard (dacapo records 636943606124)

Das passende Einfühlungsvermögen für die in Europa heute nicht sehr bekannte subtile Orchestermusik Hartmanns bewies in den letzten zwanzig Jahren sein Landsmann Thomas Dausgaard, der seit längerer Zeit und auch hier das Dänische Nationale Symphonieorchester Kopenhagen dirigiert. 1996 nahm er, um nur zwei Beispiele zu nennen, die erste und zweite Symphonie auf, 2007 weitere mehr programmatisch angelegte Werke, unter denen Die Weissagung der Völva (eine Seherin in der altnordischen Edda-Dichtung), niedergeschrieben von 1870-72 dem dänischen Publikum wohl am meisten vertraut ist, da es sich zudem um ein bedeutendes Chorwerk handelt. Über die Grenzen seiner Heimat hinweg wurde im 19. Jahrhundert auch das Melodram Guldhornene (Die Goldhörner, 1832) populär, deren Titel sich auf einen frühgeschichtlichen Fund auf Seeland bezieht und mit dem der junge Komponist seinen romantischen Ton gefunden hatte.

1832 hatte J.P.E. Hartmann, der Hans-Christian Andersen als Librettisten zu seinen wichtigen Impulsgebern zählte, im Alter von 28 Jahren mit der Oper Der Rabe oder Die Bruderprobe in der dänischen Hauptstadt debütiert. 1836 unternahm er eine Studienreise nach Deutschland und dirigierte in Kassel 1838 seine 1. Symphonie in g-Moll, die er seinem Freund, dem dort wirkenden Komponisten Louis Spohr gewidmet hatte. Mit ihm teilte er eine bestimmte Form der Motivverarbeitung, die man als romantisch-konservativ bezeichnen könnte. 1867 übernahm Hartmann mit seinem Schwiegersohn N.W. Gade und Holger Simon Pauli die Leitung des neuen Konservatoriums in Kopenhagen.

JPE_Hartmann

Johan Peter Emilius Hartmann war der Enkel eines deutschen Zuwanderers (PD-OLD-BASE, da.wikipedia)

Neben symphonischen Werken schrieb er – meist zu Themen der skandinavischen Mythologie – Bühnenmusik, Kammer- und Klaviermusik, Kantaten, Kunstlieder und mit Vorliebe auch Ballette, die er zusammen mit dem namhaften Schauspieldirektor August Bournonville konzipierte und in teils aufwändigen Inszenierungen auf die Bühne brachte. Der zumeist als ausgeglichene Persönlichkeit geltende Komponist besaß wohl auch einen ausgeprägten trockenen Humor. Als er einem jungen Musikschriftsteller in fortgeschrittenem Alter in einem Interview einmal Auskunft geben sollte, woher er denn nur alle seine musikalischen Einfälle hätte, antwortete er nur: “Die sind mir einfach so zugeflogen.” …

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.

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