Denovali im Februar

N und mehr

So ist es Sitte, ist es Brauch: auf amusio gibt es Denovali, auch. Es möge bitte niemand vermuten, dass Gelder flössen, wenn es hic et nunc darum geht, die tadellosen Veröffentlichungen des Ruhrpöttschen‘ Ausnahmelabels zu präsentieren. Es pocht einfach nur das Herzblut für Musik und Musiker, die ein Publikum verdienen, das es erst noch zu erfinden gälte, so es Denovali nicht mit reger Regelmäßigkeit verstünde, das Beste aus kontemporärer Musik ans diffuse Tageslicht der Hörungewohnheiten zu befördern.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

N, Goor (Denovali)

N, Goor (Denovali)

Allen voran das mittlerweile 22. (!) Album von Hellmut Neidhardt, alias N (nur in Form von auf 100 Exemplare beschränktem Doppel-Vinyl erhältlich), „Goor“. Schon regen sich die Neider: Was darf sich dieser Musiker erlauben? Was soll diese selbstbestimmte Exklusivität? Die Antwort fällt leichter als gemeinhin angenommen: Nur wer versteht, der wird geehrt! Doch bei allem auch ökonomischer Zwänge geschuldeten Nachsehens, kann, soll und darf nicht der Eindruck entstehen, als würde N nicht mit Akribie und Kenntnis der Materie zu Werke gehen. Seine Röhrenverstärker-Soundästhetik schlägt den Hörer in einen Bann, den, um mal einen prominenten Vergleich herbeizuführen, sonst nur Kaliber wie „Bohren“ auf die Reihe kriegen. Doch N ist Einzelkämpfer, und umso mehr überrascht und erfreut die Polyvalenz seiner durchdachten Anliegen, wiewohl es auf „Goor“, dies als Kontra auf die offizielle Pressemitteilung gegeben, weniger desillusioniert zugeht als auf den früheren Veröffentlichungen des Herrn Neidhardt. Nein, es bleibt dabei: „Goor“ erweist sich als zugänglich, als luftig, auch wenn es einen langen Atem erfordert. Der Zerfall, die Zersetzung gegen Ende der vier Longtracks („Goor“, „Whele“, „Blauort“ sowie des Live-Favoriten „Suedfall“) stimmt heiter, wie tief gilt es einzusinken, bevor Frischluft als solche wieder geschätzt und willkommen geheißen wird? N sollte nebenbei an Dortmunder Gymnasien Musikunterricht erteilen.

Deutlich anstrengender, wenn auch nicht weniger bedeutsam, agiert der in Fachkreisen längst wohlbekannte Londoner Klangschöpfer Oliver Barrett, Codename Petrels, auf seinem Album „Mima“. Die Auseinandersetzung mit Mythologie frei Haus (in diesem speziellen Fall mit der jener denkenden Maschine – Mima – aus dem Sci-Fi Vers-Epos „Aniara“ des schwedischen Literatur-Nobelpreisträgers – und dennoch oder deswegen in Vergessenheit geratenen – Harry Martinson) transzendiert Fluxus, – und dies erst recht, wenn Schweineorgel und Prog-Rock-Travestien das Soundgebilde völlig aus dem Ruder der Zurechnungsfähigkeit laufen lassen. Das hat die artverwandte „Datenschleuder“ Legion (A. Lagowski) so nie hinbekommen, oder auch nicht hinbekommen wollen. Da ist vielmehr ein Györgi Ligeti vernehmend zu vermuten, und in diesem Sinne bleibt es eine Schande, dass Künstler wie Oliver Barrett bei einem Festival wie etwa den „Acht Brücken“ zu Köln außen vor zu bleiben haben.

Mima übernimmt dein Denken (Denovali)

Mima übernimmt dein Denken (Denovali)

Beim Album verharrend … … … entsteht das dumpfe Gefühl: Es wird Jahre brauchen, um es zu angemessen zu verinnerlichen. So weist uns Oliver Petrels den Weg ins Jenseits, wo seine Scheibe auf Dauerrotation zu drehen gedenkt. Die Angst vor dem Tod und dem danach – sei hiermit geschenkt und alsbald frei erhältlich! Wenngleich das beklemmende Gefühl nicht weichen will, als wisse das Album viel mehr vom Hörer als umgekehrt. Nichts für Paranoiker alter Schule! „Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst“ (Elke Best, „Die Babies krieg immer noch ich“).

PS.: Auch bei Facebook? Dann werde Fan von amusio!