Am 28. Februar erscheint der mit großer Zuversicht erwartete Neuling von Real Estate, „Atlas“ (Domino/Goodtogo). Trotz des gewichtigen Titels becirct das neue Album der Indie-Immobilie aus Ridgewood, New Jersey mit der Leichtigkeit sanfter Brisen, die über eine sauber geerdete Produktion teils federnd, teils schwingend hinwegsäuselt. Spätestens beim dritten Durchlauf emanzipieren sich die zehn Tracks voneinander, entwickeln ein Eigenleben, das auch außerhalb des makellosen Albumflows nicht Gefahr läuft, vom rauen Alltagsraunen erstickt zu werden. Glückwunsch an Matt Mondanile, Martin Courtney, Alex Bleeker, Jackson Polis und den neuen Keyboarder Matt Kallmann.

Real Estate & Stefan Knapp: Atlas-Coverart (Domino)
Real Estate & Stefan Knapp: Atlas-Coverart (Domino)

Der Entstehungsprozess des Atlanten soll von einer gewissen Beiläufigkeit geprägt gewesen sein. Mal unterwegs in Arizonas Wüsten oder auf Madrilener Pressekonferenzen, mal ebenso zwanglos auf der Mansarde eines Hauses ihres Heimatorts. Warum sich auch unsinnigem Druck aussetzen? Der würde doch nur zu Verkrampfungen geführt haben, die dem Ergebnis anzuhören gewesen wären. Doch davon findet sich auf „Atlas“ nicht die geringste Spur, stattdessen Entspannung total.
Aufgenommen wurde das hübsche Teil in Wilco’s Loft Studios unter der Leitung des u.a. schon für Low positiv in Erscheinung getretenen Tom Schick. Doch braucht es derlei Detailinformationen, um ein Album genießen zu können, das zeitlose Songperlen aneinanderreiht? Braucht es stattdessen nicht vielmehr eine lange Aufzählung von vergleichbaren Musici, um Real Estate einem von den beiden Vorgängeralben noch unvoreingenommenen Interessenten schmackhaft zu machen? Laut Pressemitteilung hätten wir da u.a. Nick Drake, Galaxie 500, Neu (!) oder Pavement anzubieten. Fügen wir noch Shearwater, The Connells („74/75“) oder entkernte Buffalo Tom hinzu, dann dürfte dies schon alles passen.

Das impressionistisch veranlagte Songwriting des Fünfers (ob es sich um typisch amerikanisches handelt, sei dahingestellt, wie auch die Frage, ob der neue Keyboarder bereits am Schreibprozess beteiligt war) weist allerdings in der Konkretisierung seine stärksten Momente auf, so wie etwa bei den klar umrissenen „Talking Backwards“ und „How Might I Live“, dem kleinsten und zugleich feinsten Song des Albums, dessen Cover Bruchstücke eines Mauerbilds des polnischen Künstlers Stefan Knapp zeigt, das dreißig Jahre lang die Fassade eines mittlerweile längst verschiedenen Kaufhauses zierte. Eine Information, die zu guter Letzt zum Nachdenken anregen möge. Dem Genuss von „Atlas“ tun frei florierende Gedankenspiele und sich daraus ergebene Assoziationsketten sicherlich keinerlei Abbruch.

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