Musikalisches Ereignis zum Valentinstag

Eugen Onegin: Premiere im Theater Erfurt

Auf den Bühnen hierzulande ist die Ballettversion von Tschaikowskijs lyrischen Szenen in drei Aufzügen nach dem Versroman Jewgeni Onjegin von Alexander Puschkin häufiger zu sehen als die Oper von 1878, den der Petersburger Romantiker in den Jahren 1825 bis 1831 schrieb. Ein zu dieser Zeit nicht seltenes Duell aus gekränkter Ehre, wie es im Mittelpunkt seiner Erzählung von Eugen Onegin steht, wurde seinem Schöpfer übrigens selbst 1837 zum Verhängnis. Das Buch hatte Tschaikowskij  bei der ersten Lektüre so begeistert, dass er „mit unbeschreiblichem Vergnügen und Enthusiasmus daran ging es zu vertonen, auch wenn er gleichzeitig an seiner 4. Symphonie arbeitete.

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Im Mittelpunkt auf dem Biedermeiersofa: Tatjanas Schwester Olga, gesungen von Henriette Gödde (L. Edelhoff)

Im Mittelpunkt auf dem Biedermeiersofa: Tatjanas Schwester Olga, gesungen von Henriette Gödde (L. Edelhoff)

Bei allen kompositorischen „Schwächen“, die dem Komponisten später gerne nachgesagt wurden und gegen seine übermäßig verwendeten Tremoli und die bevorzugte Verwendung von Quint- und Oktavparallelen gerichtete Polemiken waren, ist ihm ein veristisches psychologisches Gemälde von großer Ausstrahlung gelungen, das den Vergleich mit Griegs Peer Gynt nicht scheuen muss. Mit der Anfertigung des Librettos beauftragte Tschaikowskij den Schriftsteller Konstantin Shilowskij, der den Text zu einem Kammerspiel und nicht im Sinne einer konventionellen Oper formen sollte. Zu Recht wird der Held des Plots im Programmheft als ein wegloser, snobistischer Adliger in der Gesellschaft des russischen Großbürgertums apostrophiert, der auch an seiner Weigerung sein Verhalten zu ändern, zu einer tragischen Figur wird, vergleichbar mit Lord Byrons Childe Harold. Tatjana, Lenski und Onegin werden aber nicht Opfer ihrer Leidenschaften, sondern leiden am unlösbaren Widerspruch von der Wahrheit ihrer Gefühle und der Lebenswirklichkeit.

Ein dramatischer Moment: Lenski (Richard Carlucci) fordert Eugen Onegin(Kartal Karagedik) zum Duell heraus . (L. Edelhoff)

Ein dramatischer Moment: Lenski (Richard Carlucci) fordert Eugen Onegin (Kartal Karagedik) zum Duell heraus . (L. Edelhoff)

Tatjana fristet mit ihrer Schwester Olga und ihrer Mutter ein abgeschlossenes Dasein abseits der Großstadt auf dem Land. Sie verliebt sich leidenschaftlich in den benachbarten Gutsbesitzersohn Onegin, einen Freund des Dichters Lenski, der Olga verehrt. Onegin aber weist sie zurück, indem er sie auf seine unstete Natur verweist. Aus purer Langeweile schürt Onegin die Eifersucht Lenskis, so dass der Streit zwischen den Männern tödlich im Duell eskaliert. Nach vielen Jahren, in denen der Unglückliche auf Reisen Zerstreuung zu finden hoffte, trifft er wieder auf die nun seit zwei Jahren verheiratete Tatjana, die sich, überwältigt durch die wiederentzündete vergangene Liebe, entscheiden muss und ihrem Mann die Treue hält. Die Uraufführung der lyrischen Szenen fand übrigens erst am 29. März 1879 in Moskau statt, allerdings konnte die Oper erst im Oktober 1884 einen wirklichen Erfolg bei ihrer Erstaufführung in St. Petersburg verbuchen. Außerhalb Russlands gehörte sie bald schon zum Standardrepertoire.

Die Ballgesellschaft mit dem dämoniscdhen Tanzmeiswter Triquet, gespielt von Christoph Dyck (L. Edelhoff)

Die Ballgesellschaft mit dem dämonischen Tanzmeister Triquet, gespielt von Christoph Dyck (L. Edelhoff)

Am Pult des Erfurter Theaters stand an diesem Freitagabend der mit weiteren Engagements in Moskau, Oslo oder Buenos Aires erfahrene slowakische Dirigent Peter Feranec, der das Orchester besonders in den Diminuendi und leiseren Partien mit sicherem Gespür für die feinen Nuancen zu leiten wusste. Stimmlich überzeugten insbesondere die Mezzosopranistin Karan Armstrong als Mutter Larina und der lyrische Tenor Richard Carluccis in Lenskis Rolle, ebenso der voluminöse Bass von Vazgen Ghazaryan als Fürst Gremin. Die Partie der Hauptfigur erschien in den tieferen Lagen bisweilen weniger differenziert.

Im Rahmen der Gesamtleistung überzeugte besonders die in musikalischer Hinsicht wuchtig-pompöse und gleichzeitig romantisch-graziöse Darstellung des Ballabends, die von Hermann Schneiders Inszenierung und dem Bühnenarrangement und den subtilen Beleuchtungseffekten maßgeblich mitgetragen wurde. Auch schauspielerisch blitzten Glanzlichter auf, zum Beispiel Christoph Dycks Spiel des dämonisch grinsenden französischen Tanzmeisters Triquet mit roter Perücke, der in mephistophelischer Mimik auch Onegin beim Duell sekundierte.

Der Auftritt von Tatjana (Ilia Papandreou) während der Ballszene (L. Edelhoff)

Der Auftritt von Tatjana (Ilia Papandreou) während der Ballszene (L. Edelhoff)

Im Anschluss an den Premierenabend gab es eine angemessene lukullische Feier am und im Opernrestaurant und Generalintendant Guy Montavon stellte in humorvoll-unterhaltsamer Weise die Stars des Abends vor, wobei er besonders auf die Leistung von Ilia Papandreou als Tatjana verwies.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.