Porträts brasilianischer Komponist/inn/en IX

Welcher Marcos Coelho Neto war es wirklich?

Wir schreiben das Jahr 1763: Die Zahl der Komponisten afrikanischer Herkunft in Latein- und Mittelamerika kann nur schwer geschätzt werden, vor allem, wenn man bedenkt, dass dunkelhäutige, von Sklaven abstammende Künstler ihres gesellschaftlich unfreien Status‘ wegen auch keine weitgehende Bekanntheit erlangen konnten. Klassikhörern ist – wegen seiner Violinkonzerte – aus dem 18. Jahrhundert allenfalls noch der in der Nachfolge Haydns komponierende Joseph Boulogne Chevalier de Saint-George bekannt, der am 1. Weihnachtsfeiertag 1745 auf Guadeloupe als unehelicher Sohn eines Ritters, Kolonialherren und Plantagenbesitzers und einer senegalesischen Sklavin geboren wurde und es dank seiner außerordentlichen musikalischen Begabung und väterlicher Förderung in Paris zum Direktor der Großen Oper brachte.

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Karte des Königreichs Brasilien aus dem Jahr 1763 ()

Karte des Königreichs Brasilien aus dem Jahr 1763

Ein anderer Komponist ursprünglich afrikanischer Herkunft ist in Europa auch heute noch fast ein Unbekannter: Marcos Coelho Neto (1763 in Villa Rica – 1823 ebendort) war ein bedeutender Komponist der der brasilianischen Kolonialzeit. Er wirkte in seiner Heimatstadt als Hornist, Trompeter und Komponist und schrieb eine große Zahl kirchenmusikalische Werke. Bis heute wird seine antiphonale Hymne Maria mater gratiae (1787) in ganz Brasilien gesungen. Nach heutigem Wissen bleibt seine Identität aber problematisch, da der Vater  (1740 – 1806) mit genau demselben Namen ebenfalls als Trompeter und Hornbläser in Villa Rica wirkte und die Zuschreibung etlicher Werke an Vater oder Sohn damit unklar geblieben ist …

Jedenfalls war Marcos Coelho Neto der Jüngere Mitglied des Ordens São José dos Homens Pardos e de Nossa Senhora das Mercês de Cima in seiner Heimatstadt, die heute nicht mehr Villa Rica, sondern Ouro Preto heißt. Als weiteres wichtiges Werk neben Maria mater gratiae gilt heute der Litaneiengesang Ladainhas de Nossa Senhora. Carlos Alberto Baltazar, der sich um die Identifizierung der alten, noch vorhandenen Manuskripte und Fragmente bemühte, konnte mit einiger Sicherheit feststellen, dass sie von der Hand des Sohnes Coelho Neto stammen. Von 1799 datiert seine Komposition Responsórios de Santo Antônio, außerdem sind von ihm die Antiphon Domine Hyssopo und Responsórios funebres überliefert. Wer eines seiner hierzulande sehr raren Stücke hören will, ist mit der CD Sacred Music from 18th Century Brazil (B000025VVC) mit dem Ensemble Turicum unter Luiz Alves da Silva gut beraten.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.