Der sanfte Riese - live

Fitzsimmons in Köln

Oh, nach anderthalb Stunden William Fitzsimmons im Gloria (Köln) wäre es ein Leichtes, markantere Headlines voranzustellen. Doch angesichts der seitens Fitzsimmons äußerst sanft empfohlenen Zurückhaltung kommen die verbalen Kracher erst im Folgenden. Die Präsentation seines neuen Albums, „Lions“ (Grönland / Rough Trade), geriet trotz einiger Merkwürdigkeiten zu jenem Triumph, der schon im Vorfeld allseits erwartet wurde. Anders formuliert: Fitzsimmons, seine Band sachdienlich an- und nebenbei, überraschte nicht mit Repertoire. Jedoch mit einigen feucht-fröhlichen Ansagen, die ihn als entspannt zweischneidigen Humoristen outeten. Doch eins nach dem anderen …

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Fitz ist aus (Stephan Wolf)

Fitz ist aus (Stephan Wolf)

„Der Künstler bittet darum, jegliche Film- und Fotoaufnahmen – auch mit Mobiltelefonen – während des Konzerts zu unterlassen“, so wurde nicht nur anhand zahlreicher Aushänge im ausverkauften Gloria um uneingeschränkte Aufmerksamkeit gebeten, – nein, dieser Bitte wurde – bis auf wenige Ausnahmen – auch entsprochen! Zuletzt selten gesehen, Kompliment an ein Publikum, das sich ca. zu einem guten Drittel aus „schaut her, ich bin auch hier“-Wichtigen rekrutierte. Ein anderes, sinngemäß zweites Drittel schien sich aus olfaktorisch herausfordernden, aber gesellschaftlich arrivierten Schamhaarverfechterinnen zusammenzusetzen. Aber sogar diese Fraktion verkniff sich den leider längst üblichen, ständigen Griff zum Smartphone. Das dritte Drittel gibt es beim Eishockey.

Denison Witmer eröffnete, Herman van Veen auf Valium.

Dann endlich: William Fitzsimmons und die dreiköpfige Band. Dreiköpfig?! Erst beim vierten Track bekam der Schlagzeuger (Name der Redaktion bekannt) etwas zu tun. So sanft, so behutsam, so „fitz“ … es wurde still im Saal. Von der Bühne aus bekam die gern verwendete, aber nicht minder widersinnige Floskel „beredte Stille“ mal eben „fitz“ eine neue Bedeutungsebene verpasst. Obwohl – wenn „Lions“ schon länger auf dem Markt gewesen wäre, hätte das Volk wahrscheinlich wieder mitgesungen, entpuppten sich sämtliche von „Lions“ dargebotenen Tracks doch als veritable Hits zum Mitsummen und Rumknutschen. Ja, es wurde gestern im Gloria viel herumgeschmust, trotz oder wegen Fitzsimmons‘ brillant lancierten Überleitungen: „Fuck Folkmusic“ beispielsweise.

Als er dann auf Köln und Karneval zu sprechen kam, darauf, dass man doch stolz auf seine Herkunft und Traditionen sein sollte … mit Ausnahme der US-Amerikaner, die ja Menschen ermorden, er dann seine Gitarre erhob, um zu proklamieren, dass diese seine Waffe sei … ach, da hätte er sich wohl selbst gerne auf dem Maidan oder in Aleppo gewähnt. Und nicht vor einem saturierten Publikum, das zuvorderst liebhaben will. Aber, was soll es auch? Seine extrem gefühlige, durchdingend zwingende Interpretation des Neo-Folk würde dort, wo es brennt ebenso wenig ausrichten wie populistischer Schlagerpunk. Also lässt er es bleiben, auch wenn an seinem Wesen und seiner Musik die Welt genesen könnte (wobei er seine jeglichen Überfluss abholden Songs eigenartig oft seiner Ex widmet; da dürfte seine aktuelle Frau, die ihm – in Abwesenheit? – vor vier Tagen ein Töchterlein geschenkt hat, eventuell ein wenig – stutzen).

Wird Fitzsimmons auch noch in zehn, zwanzig Jahren die Hallen füllen? Sicher doch! Mit seiner kristallin ausformulierten Vision des imperfekten Songs, seinem indirekt übertragenen Intellekt, der Besserung verspricht, wo Verzweiflung herrschen sollte, wird dieser sanfte Riese auf lange Sicht heilsam und wichtig bleiben.

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