Interview mit Sebastian Krämer

„Der Kommerz sollte mehr so werden wie ich…“

„Tüpfelhyänen oder Die Entmachtung des Üblichen … mit den Mitteln des Chansons“, so der vollständige Titel seines aktuellen Programms, das Sebastian Krämer beim ausverkauften Auftritt im Bürgerhaus Stollwerck zu Köln viel Applaus bescherte. Zu Recht, bestach doch sein Vortrag unter anderem durch ein wundersam präzises Timing, mit dem er überwiegend neues Material, von pointierten Ansagen kredenzt, makellos in Szene zu setzen wusste. Die Fama, es handele sich beim mehrfach preisgekrönten Sebastian Krämer um einen Erneuerer der deutschsprachigen Kleinkunst, wird so zur Gewissheit.

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Sebastian Krämer im Gespräch (Stephan Wolf)

Sebastian Krämer im Gespräch (Stephan Wolf)

Vor seinem Auftritt traf er unser Redaktionsteam in seiner Garderobe, bügelte noch sorgfältig ein Oberhemd zu Ende und gab dann ausführlich Auskunft über das Agens seines Schaffens, Kleinkunst und kleine Utopien.

amusio: „Werden wir heute Abend im Vergleich zu vorangegangenen Programmen einen anderen, einen neuen Sebastian Krämer erleben?“

Sebastian Krämer: „Nein, ich bin der selbe wie immer. Aber das Programm ist natürlich ein anderes, und es trägt auch eine entwickelte Handschrift. Auf dem Album wird das nicht so deutlich, weil es nicht die politischen und philosophischen Kommentare der Live-Show enthält. Auf diesem Sektor hat sich wohl das meiste getan im Vergleich zu früheren Programmen. Es geht um Möglichkeiten des Handelns und Betrachtens, die jeder besitzt. Halt um die Entmachtung des Üblichen. Nicht um vermeintlich brandheiße, medial vorgekaute Themen, sondern um Relevantes. Um unser Leben.

amusio: „Deswegen werden Sie auch ungern als Kabarettist bezeichnet.“

Sebastian Krämer: „Das Kabarett lebt vom Fortbestand jener Umstände, die es vordergründig beklagt. Dabei muss es sich der Verantwortung entziehen, etwas zur Veränderung beitragen zu können. Die Politiker, die Macht des Geldes und der Konzerne, die Mechanismen der Unterdrückung: Demgegenüber können wir uns nicht zu Opfern stilisieren, wir sind maßgeblich daran beteiligt. Wir haben gewählt, wir kaufen die Produkte, – aber das Spiel ist erst dann gelaufen, wenn wir resignieren. Vom Fatalismus des Kabaretts möchte ich mich distanzieren.“

amusio: „Aber Sie bekennen sich zur Kleinkunst?“

Sebastian Krämer: „Mit wenigen Mitteln auf einer kleinen Bühne eine Wirkung zu entfachen, die sich bei den Zuhörern weiter potenziert. Wenn dies unter Kleinkunst verstanden wird, so gehöre ich da gern dazu. Nicht die Kunst ist klein, sondern das Kleine ist die Kunst. “

amusio: „Aber drohen Ihre Spielstätten bei fortschreitender Popularität nicht immer größer zu werden und den Rahmen der Kleinkunst zu sprengen?“

Sebastian Krämer: „Ich würde ein großes Publikum nicht von der Bettkante stoßen, es dürfen sich alle für mich interessieren. Wichtig wäre mir dabei nur, die Leute überhaupt noch zu erreichen und nicht irgendwann mit Leinwand-Events abzuspeisen. Die sind doch Betrug, Fernsehen kann man auch daheim. Nein, der Kommerz sollte mehr so werden wie ich. Und dann kann man sich überlegen, was man mit den Menschenmassen macht, wo man sie hintut (lacht).“

amusio: „In Ihren mit eindringlicher Geschliffenheit und angemessener Respektlosigkeit getexteten Liedern bekommen exemplarisch auch jene gesellschaftlichen Gruppen einen Spiegel vorgehalten, aus denen sich ihre Hörerschaft zusammensetzen dürfte. Nervt Sie nicht manchmal das dumme Publikum, das immer an den falschen Stellen lacht?“

Sebastian Krämer: „Was heißt schon an den falschen Stellen? Welche richtig sind und welche falsch, entscheide ich ja nicht, sondern die. Humor ereignet sich immer neu, er ist nicht bis ins letzte berechenbar. Bevor ich genervt reagiere, versuche ich mir außerdem vor Augen zu führen, daß ich von der Bühne aus meine Zuhörer ja nur im Kollektiv erlebe. Und das ist unvorteilhaft. Die Masse ist immer dümmer als der Einzelne. Man muß eben lernen, diesen Verlust an Zurechnungsfähigkeit in Rechnung zu stellen. Letztlich liegt es allein an mir, den Abend erfreulich zu gestalten. Ich kann nicht dem Publikum die Schuld dafür geben, wenn mal ein Auftritt blöd verläuft, aber das ist ja zum Glück auch nur selten der Fall.“

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