Wave Gotik Treffen 2014

Festival-Programm wächst und gedeiht

Wer geglaubt hat, die Leipziger Festivalinstitution würde verstärkt auf altbekannte Zugpferde setzen, der entsagt mittlerweile seiner Häresie. Denn neben den üblichen Verdächtigen (Hocico, Anne Clark, The Crüxshadows usw.) zum Füllen der größten Venues, werden auch in diesem Jahr wieder Dutzende Acts an den Start gehen, die allein mit einschlägigen Vorschusslorbeeren versehen sind und umso mehr mit neugieriger Aufmerksamkeit erwartet werden. Daran besteht nicht der geringste Zweifel, da gibt es beim Run auf die Tickets kein Halten: Pfingsten wird spannend, prickelnd, aufregend, erregend schwarz, schwärzer und programmatisch bunt.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

"Wisst Ihr noch vom vorgem Jahr ...?!" (wave-gotik-treffen.de)

„Wisst Ihr noch vom vorgem Jahr …?!“ (wave-gotik-treffen.de)

Die schiere Menge an Veranstaltungen erlaubt es der Leipziger-Festivalleitung, eine Vielfalt zu präsentieren, die ihresgleichen sucht. Aus ihr ergibt sich der einzigartige Vorzug des viertägigen Events: Schlag auf Schlag gelingt die Symbiose aus der Energie unverbrauchter Attraktionen und dem Verlangen des Publikums nach noch nicht so häufig gesehenen Gesichtern (auf und vor den Bühnen). Nach Musikern, die sich mit Leib und Seele den jeweiligen Subgenres verschrieben haben oder die ohnehin fließenden Grenzen innerhalb der Szenen risikofreudig überschreiten. Dass dabei der konservative Anteil bewährter Kräfte nicht zu kurz kommt, dass also Szenegrößen und Newcomer quasi gleichberechtigt in die Arena steigen, prägt die institutionelle Kompetenz des WGT.

Aus der Fülle des tagtäglich anwachsenden Billings seien stellvertretend einige Künstler hervorgehoben, die symptomatisch für die Reichhaltigkeit des Festival-Angebots stehen (auch ohne wichtige Subszenen wie Mittelalter, Goth-Metal oder EBM-Electro tangieren zu müssen). Stellvertretend auch für jene Kollegen, von denen nicht wenige zu Leipzig erstmals den Schritt vor eine große (Szene-) Öffentlichkeit wagen. Nur Mut, auf dem WGT können alle nur gewinnen.

Ihr Weg führt nach Leipzig: Cécile Corbel (cecile-corbel.com)

Ihr Weg führt nach Leipzig: Cécile Corbel (cecile-corbel.com)

Mit der bretonischen Harfinistin Cécile Corbel ist es gelungen, eine arrivierte Hochkaräterin für das Festival zu gewinnen, die bereits seit über zehn Jahren mit ihrer Interpretation von keltischer Melodik und Weltmusik rund um den Globus für Entzücken sorgt. Sogar bis nach Myanmar hat sie ihre Musik begleitet. Dass Céline Corbel nun die Herausforderung Leipzig annimmt, spricht für die Barrierefreiheit ihres musikalischen Horizonts, der für viel beachtete Filmscores ebenso qualifiziert ist wie für philharmonisch taugliche Live-Performances. Sicher trägt ihr äußeres Erscheinungsbild mit zu einer gefühlten Nähe zur schwarzen Szene bei, bedient ihr gleichsam sphärisches wie geerdetes Klangbild Klischees, die in schwarzen Damenkreisen gerne zelebriert werden. Und wenn schon – auf dem schmalen Grat zwischen Kunst und Kitsch wissen Cécile Corbel und ihr Ensemble mit traumhafter Sicherheit zu balancieren.

Prego: Albireon (facebook.com/pages/Albireon)

Prego: Albireon (facebook.com/pages/Albireon)

Auch die Fraktion des Apocalyptic Folk braucht weder auf Altgedientes (z. B. Sonne Hagal) noch auf Raritäten zu verzichten: Die italienische Formation Albireon nimmt von der puristischen „ars povera“-Akustik, um durch chirurgisch präzise Verschiebungen und Hinzufügungen ein Vielfaches mehr zu geben. Mehr sublime Melodik, mehr kontemplative Tiefe und Mehrdimensionalität, weniger Anmaßung oder willentliche Selbstbeschränkung. Vielleicht ist es an Albireon auch Tony Wakeford wieder nach Leipzig zu locken; immerhin veröffentlichte die Band unlängst eine überaus gelungene Kollaboration mit dem Urgestein des Neo-Folks, die 7‘‘, „Snowflake / Hell Is Within“ (Palace Of Worms).

Zum Glück zurück: Joy Of Life (subterock.com)

Zum Glück zurück: Joy Of Life (subterock.com)

Vermutlich im Zusammenhang mit Albireon wird die britische Post-Punk-Industrial-Band Joy Of Life die Weihen ihrer nunmehr dritten Wiedergeburt empfangen. Nach zwei herausragenden Alben Ende der Achtziger von der Bildfläche verschwunden, fand sich die Band bereits 2008 (auch beim WGT) wieder zusammen. Doch anders als noch vor sechs Jahren, als eine innere Verlegenheit im Bandgefüge überdeutlich zu vernehmen war, verspricht das aktuelle Line-Up mit illustrer Unterstützung (Überraschungsgäste!) dem wahren Geist der Band um Gary Casey mehr als gerecht zu werden. Was sich schon im vergangenen Jahr auf dem „Runes and Men“-Festival zu Leipzig (Theaterfabrik) sozusagen als zweite Renaissance andeutete, wird nun zur Imago gereichen. Hand drauf.

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