Die Gentlemen bitten zur Kasse

Hape & der Graf lassen Revue passieren

Am Freitag, den 14. März veröffentlicht der „Graf“ mit „Alles hat seine Zeit – Best Of Unheilig“ (Vertigo Berlin / Universal) die Höhepunkte aus fünfzehn Jahren Karriereverlauf: Das beeindruckende Dokument einer Erfolgsstory, wie sie offenbar nur die deutschsprachige Schlager-Popszene zu schreiben vermag, inklusive drei brandneuer Tracks (auch als Special Edition mit DVD erhältlich). Einen alternativen Weg der Auseinandersetzung mit genuin deutschem Liedgut schlägt Hape Kerkeling ab dem 4. April ein. Mit „Ich lasse mir das Singen nicht verbieten“ (Sevenone / Sony Music) huldigt er der (un-) heiligen Glanzzeiten des deutschen Schlagers, überraschend respektvoll und erstaunlich frei von offensichtlicher Ironie oder freiwilliger Komik.

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Elegant (1): Hape Kerkeling (Felix Rachor / Sevenone / Sony Music)

Elegant (1): Hape Kerkeling (Felix Rachor / Sevenone / Sony Music)

Zwei Megastars des deutschen Showbusiness bei der Nachlassverwaltung, jeder auf seine Art. Doch beide erklärtermaßen mit „ihrer“ Musik. Hape Kerkeling legt Wert auf die Feststellung, dass es sich bei seinem Album um eine seriöse Hommage an eine Musikgattung handelt, die ihm schon immer wichtig war: „Mein Herz schlug schon immer für die Musik (…) Und dies ist nun das erste Album, auf dem ich mich ernsthaft dem Unterhaltungsschlager widme – so ernsthaft eben ein Unterhaltungsschlager-Album sein kann.“ Mal davon abgesehen, was von Schlagern zu halten ist, die nicht unterhalten, hält Hape absolut Wort und widersteht der Versuchung seine musikalischen Schätze zu verraten, indem er sie nicht durch den Kakao zieht.

Er interpretiert Megahits der sechziger Jahre („Liebeskummer lohnt sich nicht“) ebenso wie die der „ZDF-Hitparade“ zu ihren siebziger Glanzzeiten wie etwa „Feuer“ (Ireen Sheer) oder „Fahrende Musikanten“ (Nina & Mike) porentief rein; die behutsam modernisierten Arrangements (Filmorchester Babelsberg) und Hapes Gesang wirken im Vergleich zum sorglosen Schmiss der Originale geradezu zurückhaltend oder sogar bieder. Selbst bei ursprünglich „witzig“ intendierten Nummern wie „Schmidtchen Schleicher“ (Nico Haak) verzichtet Kerkeling auf jegliche Überdrehung (und dies trotz des verlockenden niederländischen Akzents beim Original). Das mag seine Fans zunächst irritieren, vielleicht sogar enttäuschen, zeigt aber, wie aufrichtig der einstige Krawall-Komiker und heutige Meister-Conférencier es mit seiner Veröffentlichung meint.

Elegant (2): Der Graf (Eric Weiß / Vertigo Berlin /  Universal)

Elegant (2): Der Graf (Eric Weiß / Vertigo Berlin / Universal)

Es ist schon ein wenig schade, dass sich Hape komplett auf „olle Kamellen“ verlässt, inklusive seiner eigenen Erfolge „Das ganze Leben ist ein Quiz“ und „Hurz“, die – inkonsequenter Weise – auch auf dem Album vertreten sind. Die Frage, ob es gelingen kann, den ganz eigenen Charme des klassischen deutschen Schlagers auch mit neuen Liedern wieder aufleben zu lassen, lässt Kerkeling unbeantwortet. Aber es wird auf jeden Fall interessant, zu beobachten ob und wie seine geradezu nüchternen Coverversionen beim Publikum ankommen.

Bis dahin wird eine weitere höchst interessante Frage beantwortet sein: Ob es dem „Grafen“ gelingt, sich morgen, am 13. März, gegen sieben Konkurrenten beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest durchzusetzen und das Ticket nach Kopenhagen zu lösen. Sein Beitrag („Als wär’s das erste Mal“) hat immerhin schon den Weg auf das Auslese-Album „Alles hat seine Zeit“ geschafft. Inwiefern es sich angesichts der rekordverdächtigen Verkaufszahlen der jüngeren Unheilig-Geschichte noch lohnt, diese Kompilation zu veröffentlichen, auch das wird sich zeigen und womöglich auch viel von seinem ESC-Abschneiden abhängen. Vielleicht wäre der „Graf“ besser beraten gewesen, vergleichsweise unbekannte Lieder aus seinen Anfangstagen (die noch dem Dark Wave zuzurechnen waren) neu einzuspielen,  um seine Kasse weiterhin ordentlich durchklingeln zu lassen. Aber noch konsequenter als etwa für Hape gilt für ihn: „Alles hat seine Zeit“.

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