Zwei Jahre nach ihrem vielfach mit dem Prädikat „episch“ bedachten Debut, veröffentlicht The Alvaret Ensemble am 21. März das Zweitwerk, „Skeylja“, wieder auf Denovali. Es handelt sich dabei um eine destillierte Rekapitulation von neun Improvisations-Konzerten, die Greg Haines, Sytze Pruiksma und die Gebrüder Kleefstra gemeinsam mit den Isländern Ingi Garðar Erlendsson, Kira Kira, Borgar Magnason und Eiríkur Orri Ólafsson anlässlich des Oerol Festivals auf der westfriesischen Insel Terschelling eingespielt haben. Das im Berliner Electricity Works Studio auf CD-Länge verdichtete Ergebnis überzieht das improvisierte Ausgangsmaterial mit einer spannungsgeladenen und – angesichts ihrer prozessualen Entstehung – erstaunlich homogenen Hinhaltetaktik.

Voller Leben: Skeylja (Denovali)
Voller Leben: Skeylja (Denovali)

Die Wortschöpfung „Skeylia“ verdankt sich der Vermischung des friesischen Namens für Terschelling (Skylge) und dem isländischen Wort für Insel (Eyjan). Insbesondere während der ersten Hälfte scheint die Veröffentlichung von der lautmalerischen Nähe zu ihren Entstehungsorten profund durchdrungen. Von vulkanischer Aktivität unterwanderte und von Trollen dünn besiedelte Mondkraterlandschaften treffen aufs Wattenmeer, dessen eigentümliches Biotop oberflächlichen oder allzu neugierigen Blicken verborgen bleibt. Es brodelt, es wimmelt, etwas entsteht. Aber was da ins Leben treten will oder muss, ist vorerst noch viel zu diffus und amorph, um auch sein Überleben als gesichert antizipieren zu können.

Die Faktur klar akzentuierter Bläsersequenzen skizziert Entwürfe im Minutentakt, doch die Transparenz der Flächensounds verhält sich dagegen trügerisch. Sie versumpfen oder verschwimmen so beiläufig, wie sie zuvor in den naturaffinen Klangraum eingetreten sind. Die Stimmen, männlich-weiblich (sind es die Trolle?) geben ein wenig Halt, da sie die Einsamkeit des schauend Zuhörenden der Illusion überführen: Niemand ist allein, und wird es doch bleiben. Doch die Spannung wird fast unerträglich.

The Alvaret Ensemble (Ondrej Vyska / The Aardvark / Denovali)
The Alvaret Ensemble (Ondrej Vyska / The Aardvark / Denovali)

Beim Track „Kleivervatu“ zu Beginn der zweiten Hälfte des Albums, vollzieht das verdichtete Material endlich eine kathartische Wandlung. Die Spannung wird abgebaut, die Strukturen werden klarer ausformuliert. Nun fehlt nicht mehr viel zu einer konkreten und mit melodramatischen Momenten gespickten Epik. Als nähme das zuvor noch ungerichtet und blind um seine Geburt ringende Leben nun endlich seinen Lauf, der schon bei „Selaku“ wieder ins Stocken zu geraten droht.

Doch die Aura neuerlicher Lebensverfehlung wird von (thranophonisch verstärkten?) Signalen, tröstenden Pianotupfern und den Stimmen in eine fast schon heitere Trotzphase überführt, die sich bei „Hafravatn“ anhand brüsk eingeworfener Militaria austobt.  Aber es ist nur ein kurzes Gefecht, danach führt „Borgarvatn“ wieder zurück zu den unterschwellig aufbegehrenden Anfängen des friesisch-isländischen Klangkosmos, der „Skeylia“ zu einem Werk spröder Skepsis macht, einer Skepsis freilich, die ständig Gefahr läuft, vom Lebenswillen, von Flora und Fauna, in einen Hinterhalt gelockt zu werden.

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