Kopfschmerzen und Insolvenz

Felix Van Cleeff ertrinkt in „The Crimson Sea“

Nach der kontemplativ akustischen Debut-EP “Into The Dark” erscheint dieser Tage das erste Full Length-Album des niederländischen Musikers und Filmemachers Felix Van Cleeff, “The Crimson Sea” (iTunes / Spotify). Ein Album, das sich entschiedene Befürwortung mit jedem der neun Tracks durchaus verdient. Ein Reigen, dessen gesanglicher Vortrag zwischen einem unversoffenen Rowland S. Howard und einem gleichförmig agierenden Mick Harvey anzusiedeln ist – und dabei die entsprechenden, ewig wiederkehrenden Themen streift: Liebe und Tod, Nähe und Einsamkeit, Entfremdung und Realitätsverlust.

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"Komm, gehen wir schwimmen!" (Felix Van Cleeff)

„Komm, gehen wir schwimmen!“ (Felix Van Cleeff)

„The Crimson Sea“: Mörderballaden und angestaubt angerockte Weltschmerzklopper, mal beeindruckend selbstsicher, mal zwanghaft berechenbar. Bei „Borders Of Your Mind” legt die Rotzkanne die Marschrichtung vor: An Kälteidiotie leidet der altkluge Herr Van Cleeff am allerwenigsten. Ihm sind nur zu viele der schwülen Nächte zur Enttäuschung geraten, jetzt blickt er in den Spiegel seines Boudoirs: “the skeleton you’ve become now / is such a sorry sight”. Mit „Babylon“ wird der Angstschweiss von einer Brise aufmüpfiger Schicksalsergebenheit getrocknet, nun ist der Leidende wieder imstande, um mit „Beautiful Stranger“ und „Into The Light“ gleich zweimal klassischen Balladenstoff anzustrengen, den man allerdings schon allzu oft gehört hat, wenn auch „Into The Light“ mit einer Country-Note aufhorchen lässt, die von „Sometimes A Man (Home)“ fortgeführt wird: Kopfschmerzen und Insolvenz in standardisierter Darreichungsform.

Wie entrückt: Felix Van Cleeff (Esnali Kiris / Felix Van Cleeff)

Wie entrückt: Felix Van Cleeff (Esnali Kiris / Felix Van Cleeff)

Beim Titeltrack wird dezent geschrammelt, der Garagensound entsorgt den „Cramps“-Glam gleich mit. Klar, dass das blutrote Meer nur zum darin Ertrinken taugt, soviel mal wieder zum Thema Beziehungskisten. „When My Time Has Come“ antwortet mit dezenten Bläser- und Keyboardarrangements auf die Balladenrhetorik aus dem Setzbaukasten. Es will anrühren, doch es ist “Not Crazy Enough”, wo im Anschluss mal wieder die Halbakustische für Western- und Wüstenstimmung zu sorgen hat, bevor eine Schweineorgel den überraschenden Akzent zu setzen weiß, der diese Selbsteinschätzung des Künstlers zum Highlight des Albums macht. Den folkigen Ausklang übernimmt “Fireflies”, womit das Problem des Albums um eine weitere Nuance erweitert wird: „The Crimson Sea“ besitzt eine ausgezeichnete Veranlagung, bürdet sich dabei aber ein Zuviel an Facetten – bei ausbaufähigem Songwriting – auf.

Das Album suggeriert Geschlossenheit, dabei ist es nur hinsichtlich des Aufgriffs von Standards konsequent. Einem jungen Künstler wäre mehr Mut zum Risiko zuzumuten. Felix Van Cleeff ist noch auf der Suche, da geht es ihm bei seiner Musik wie bei der Bildsprache seiner Kurzfilme. Der große songschreiberische Durchbruch, er liegt schon in der Luft. Es werden Wetten angenommen, ob er bereits beim nächsten Album gelingen wird.

Babylon:
youtube.com/watch?v=RmSVEglleMM

felixvancleeff.com/

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