Interview mit Dieter Meier

Der Zufall sei dein Freund

Im Grunde genommen geht es nur darum: Geht es weiter? Und wenn es weiter geht, gibt es dann wenigstens ein kaltes Bier oder sogar einen dreifach gerührten Martini – Wodka, Gin und Jalapenoschoten eventuell – für verblichene Sünderlein? Im Vorfeld der VÖ seines Albums „Out Of Chaos“ (ab 11. April, Staatsakt / RTD) und der Verleihung des ECHO für sein Lebenswerk (als Yello mit Boris Blank) beehrte Dieter Meier die Domstadt am Rhein und nahm dort die Gelegenheit wahr, seinem Gegenüber und somit der Öffentlichkeit mitzuteilen, dass sein Wesen, Werden und Wirken mehr dem Zufall als der Intention geschuldet ist.

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Out Of Chaos - Künstlernaturen und -naturelle: Dieter & Robert (Stephan Wolf)

Out Of Chaos – Künstlernaturen und -naturelle: Dieter & Robert (Stephan Wolf)

Mit Köln verbindet der Kosmopolit Dieter Meier einen Gitarrenlehrer aus den fünfziger Jahren. „Er war Kölner, ich ein fauler Hund und habe nie geübt“, gibt er nach all der Zeit freimütig zu. „Er hat gerne Zigarren geraucht, und darum habe ich ihm immer eine dicke Havanna mitgebracht. Die hat er sich dann angesteckt und mir dann eine Stunde lang vorgespielt, das war mein Gitarrenunterricht“, ein Geständnis, das zu erklären vermag, warum an ihm, Meier, kein großer Saitenzupfer verlorengegangen ist.

Immerhin habe er den Kölner Dialekt erlernen können. Gut, unseren „Jürzenich“ betont er einwandfrei, beim Diminutiv von Zwiebel – Üllieschje – ist ihm dann doch anzumerken, dass er einen Großteil seines Lebens nicht im heiligen Köln zugebracht hat. Soviel dazu. Nun etwas transkribierter O-Ton in einem mit wunderbar helvetisch getünchtem Timbre hervorgebrachtem Hochdeutsch. Seitens des Antwortgebers, nicht seitens des Fragestellers, der sich für die gemeinsam verbrachte Stunde herzlich bedankt.

amusio: „Ihre Art sich zu kleiden, hat mir schon in jungen Jahren imponiert. Und ich kann mich an Interviews erinnern, in denen Sie etwa das Tragen von aus Kaschmir gewebten Socken vehement verteidigten. Sind Sie eine Stil-Ikone?“

Dieter Meier: „Nun, Kleidung ist eine vielschichtige Sache, ein Bild, das man von sich nach außen trägt. Und das ist eine hoch komplexe Angelegenheit. Man setzt Zeichen, ob man dies will oder nicht. Aber Socken müssen doch in erster Linie bequem sein. Ich halte das so, dass ich mich unabhängig von der Umgebung, in die ich mich begeben werde, oder dem gegebenen Anlass, kleide. Meistens entscheide ich meinen Stil des Tages bei der morgendlichen Rasur; wenn ich ausgesprochen gut gelaunt bin, dann ziehe ich mich etwas lauter, frivoler, an, als an jenen, wo meiner Laune das Laute nicht steht. Und das ist unabhängig davon, ob ich mich in Patagonien befinde, wo die nächste Kneipe hundert Kilometer entfernt liegt oder ob ich in New York auf eine Vernissage gehe. Manchmal stelle ich dann unterwegs fest, dass ich mich nicht meiner Stimmung entsprechend gekleidet habe, dass ich mich vertan habe, dann muss ich, wenn der Aufwand nicht zu hoch ist, ich bin ja nicht neurotisch, nochmal nachhause, mich umziehen. Aber dass ich mich kleide, um einem Image zu entsprechen, nein. Kein Auftritt nach außen, sondern nach innen. Kein Mittel zum Zweck. Ich beabsichtige nicht, nach außen hin lesbar zu sein, um etwas zu erreichen. Sicher, ich bin ein verwöhnter Junge, kann mir Schuhe auswählen, sei es aus wienerisch-ungarischer Manufaktur oder aus der franko-britischen Schule, wie etwa von John Lobb. Aber eine Stil-Ikone bin ich sicher nicht. Nicht willentlich.“

amusio: „Hat Ihre Haltung, sich nach außen nicht per se oder bewusst abzubilden mit dazu geführt, dass es so lange gedauert hat, bis Sie ein Album unter Ihrem Namen veröffentlichen?“

Dieter Meier: „Das Album ist auf mich zu gekommen, es war ein totaler Zufall! Wir haben ja mit Yello den Film `Touch Yello´ gemacht, damit ein nicht existierendes Konzert gegeben. Da gab es dann nur einen Promoter, der etwas Blabla um Yello gemacht hat. Und das war mir als biederer Schweizer zu wenig, nicht genug, um dafür 30 Euro Eintritt zu verlangen. Also wollte ich bei den Aufführungen noch zwei, drei Lieder singen. Ich habe dann einige Texte geschrieben, und diese dann gemeinsam mit einem befreundeten Gitarristen und einem befreundeten Geiger zusätzlich zu dem Film und dem Gequassel gegeben.

amusio: „Das Momentum war der Film, wegen den 30 Euro?“

Dieter Meier: „Genau, irgendwie hat es funktioniert, und dann kam ein anderer Promoter, der meinte: `Mach‘ doch eine richtige Band und dann könnten wir auch eine Tournee machen…´
Gut, dann war ich in Argentinien und habe die Tournee zugesagt, hatte aber weder Band noch Songs! Da saß ich dann mit meiner alten Gaucho-Gitarre, habe tagelang herumgeklimpert, und hatte nicht den Ansatz eines Songs, ich bin ja kein Songwriter.“

amusio: „Das kommt davon, wenn man Kölner Zigarren rauchen lässt.“

Dieter Meier: „Mit Boris Blank habe ich nie komponiert, ich habe mich als Darsteller in seine fertigen Klangwelten eingefügt, ein paar Texte gemacht. Dann sind mir innerhalb von drei Wochen Dinge zugetragen worden, die einfach passiert sind. Nicht auf Bestellung, ich hatte nur meine zugesagte Tournee im Nacken. Und nochmals: Ich würde nie sagen, dass ich die Dinge gemacht hätte, sie sind mir passiert.“

amusio: „Und was geschah dann?“

Dieter Meier: „Dann hat sich eine Band gefunden, wir haben die in kurzer Zeit entstandenen Lieder aufgenommen. Und das Ergebnis hat mir überhaupt nicht gefallen. Ich wollte ein anderes Sound-Konzept. Und dann hat sich mein Manager umgehört, den Kontakt zu `Staatsakt´ aufgenommen, und dann kam diese wunderbare Idee, dass ich mein Album mit der Unterstützung von `Nackt´, Ben und T.Raumschmiere würde umsetzen können! Im ersten Moment, als die drei ihre Ideen zu meinen beiden bescheidenen Liedern präsentierten, da war ich entsetzt, schockiert. Es war so weit weg von dem, was ich zuvor hatte. Aber – es war originell! Mit dem ganzen Album habe ich, was die Produktion betrifft, überhaupt nichts zu schaffen. Ich habe die Lieder gemacht, die haben das Sound-Konzept entwickelt, und dann habe ich darauf meine Lieder eingesungen. Die Jungs konnten machen, was sie wollten, ich habe nie etwas krampfhaft final angestrebt.“

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